Donnerstag, 4. Februar 2016

Eine Oberösterreicherin berichtet über die Schuhkartonverteilung in Rumänien



Autorin: Silke Sedlak, "Weihnachten im Schuhkarton" Österreich


Seit der Geburt meines ersten Kindes packe ich Päckchen für „Weihnachten im Schuhkarton“ und seit einigen Jahren engagiere ich mich als ehrenamtliche Sammelstelle im oberösterreichischen Weißkirchen an der Traun, einem Vorort von Wels. Schon lange war es mein großer Wunsch, die Schuhkartons in ein Empfängerland begleiten zu dürfen um zu sehen, wo sie ankommen und was sie bewirken. Wie gerne wollte ich jedes Jahr "Mäuschen" sein und zusehen dürfen, wie Kinder in ihrer unbeschreiblichen Freude über das erste Weihnachtsgeschenk ihres Lebens, vom linken bis zum rechten Ohr strahlen! Im Herbst 2015 war es so weit. Der österreichische Regionalleiter von „Weihnachten im Schuhkarton“, Rainer Saga, rief mich an und verkündete mir: „Manuela, heuer bist du dabei. Willst du mit nach Rumänien fahren um zu sehen, was die Schuhkartons bewirken?“ Ich jubelte. Eine größere Freude hätte man mir fast nicht machen können!


Manuela Neu (45), Mutter von zwei Söhnen (7 u. 12) und Hausfrau (früher Bürokauffrau),
seit 2011 ehrenamtliche Sammelstellenleiterin für „Weihnachten im Schuhkarton“

Eine Reise ins Unbekannte

Es war Mitte Dezember. Wir Österreicher trafen uns alle am Flughafen Wien, um gemeinsam nach Bukarest aufzubrechen, wo wir auch auf andere Kollegen stießen: Mit einem gemischten Team aus haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern und Sammelstellenleitern aus Österreich, Südtirol und Deutschland machten wir uns gemeinsam mit unseren rumänischen Verteilpartnern auf den Weg an die Schwarzmeerküste. Drei Tage intensiver Momente standen uns bevor – was war ich aufgeregt! Wie würde es mir gehen, so viele Kinder in tiefer Not zu erleben? Wie wird es mir gehen, nach solchen Erlebnissen wieder in die reiche Heimat zurückzukehren? Die Stationen unserer Reise befanden sich im Gebiet um Constanta am Schwarzen Meer. Unsere langen Fahrten führten uns bis in die Nähe der bulgarischen Grenze, wo sich sowohl rumänisch-, bulgarisch- als auch türkischstämmige Familien angesiedelt haben. Die Armut in diesem Teil der Europäischen Union (EU)  ist bedrückend. Einmal mussten wir auf einer desolaten Feldstraße sogar umkehren, da bei einer Weiterfahrt ein Schaden an den Fahrzeugen riskiert worden wäre. Kilometerweit keine Autos, keine Häuser und keine Bäume, aber riesige Felder bis zum Horizont, soweit das Auge reicht. Bloß hier und da ein Pferdefuhrwerk oder eine Schafherde mit ihrem Hirten, seltener ein altes Auto. Trotz Navi, Smartphone und guter Gesellschaft strahlte die Einöde dieses Fleckchens Erde eine Stimmung aus, die uns alle ein wenig verloren fühlen ließ.

Der Pferdekarren ist das gewöhnlichere der beiden Transportmittel auf dem Bild
- zumindest für die Menschen in Rumänien


Rührende Szenen bei den Schuhkartonverteilungen

Die meisten Verteilungen liefen ähnlich ab: Wir kamen an einer Schule, einem Kindergarten, einem Gemeindezentrum oder einer Nachmittagsbetreuung an, betraten den Klassen- oder Versammlungsraum und es wurde uns und allen Anwesenden ein weihnachtliches Programm dargeboten. Die Kinder klatschten, sangen, lasen die Weihnachtsgeschichte vor, Pfarrer oder Lehrer führten durch die Stunde und dann gab´s die Geschenke: Was für ein Hallo! Die Verteilungen waren immer hervorragend organisiert und wir durften auch oft beim Öffnen der Schuhkartons mithelfen. Viele Kinder hielten das Päckchen jedoch fest umklammert und ließen es sich nicht von uns aufmachen, manche wahrscheinlich aus Angst, dass ihnen das Paket wieder genommen wird. Manche wollten aber auch erst zuhause mit Mama und Papa in aller Ruhe die Inhalte ihrer Schatzkiste bestaunen. Und manche waren ganz einfach überfordert mit der Situation, denn nicht allen Kindern dieser Welt ist es bekannt, schöne Dinge nur für sich selbst geschenkt zu bekommen.

Die Kinder erlebten ein ganz neues Gefühl: beschenkt werden und wichtig sein. 


Unvorstellbares Elend

Einige Geschichten und Situationen waren sehr berührend. Besonders bewegt hat mich das Schicksal des 2,5-jährigen Georgico. Er lebt mit seiner Großmutter, seinem Vater und den vier Geschwistern in einem Dorf in der rumänischen Region Independenta. Seine Mama hatte die Familie verlassen, weil sie die Schläge ihres alkoholkranken Mannes nicht mehr ertrug. Sie lebt nun mit einem anderen Mann in einem entfernten Dorf und brach den Kontakt zur Familie schließlich völlig ab. Auch ihre Kinder besucht sie nicht mehr. Bei einer Schuhkartonverteilung kamen unsere Verteilpartner mit den Kindern in Kontakt, erfuhren von ihrer erschütternden Geschichte und beschlossen, die Familie fortan zu unterstützen. Sie bauten und finanzierten sogar ein kleines Haus für sie, da das alte Haus nicht mehr bewohnbar war. Der Pastor begleitet nun auch den Vater auf seinem Weg in ein Leben ohne Alkohol und häusliche Gewalt.

Eltern von rumänischen Kindern leiden oft unter Alkoholprobleme
und lassen ihren Frust an den eigenen Kindern aus.


Verzweifelte Mütter

Ein sehr ungewöhnlicher Anblick waren für uns manche Frauen in den diversen Roma-Dörfern. Bei winterlichen Temperaturen trugen sie keine dicken Jacken sondern waren in bunte Bademäntel gekleidet! Man erklärte uns, dass das eine durchaus gängige Praxis sei, um Geld zu sparen. Ein Frottee-Bademantel sei nun mal einfach günstiger als eine gefütterte Daunenjacke. Meist erkannte man vor allem an den Müttern, wie arm die Familie sein muss, denn Mütter fangen bekanntlich immer bei sich selbst an zu sparen. Mit Mühe versuchen sie, ihre Kinder so gut es geht „herauszuputzen“, an ihnen selbst jedoch erkennt man dann die wahre Not.

Bunte Bademäntel gegen kalte Wintertemperaturen - die Armut im Alltag.


Kinder-Prostitution und Menschenhandel am Rande der EU

Eine besonders erschreckende Tatsache war für mich, dass bei den Schuhkartonverteilungen unter den Roma einige der 10-jährigen Mädchen bereits verheiratet waren. Man erklärte uns, dass sie – sofern sie überhaupt die Schule besuchen – solange den Schulbesuch fortsetzen dürften, bis das erste Kind zur Welt kommt. Das ist meistens mit 12 Jahren der Fall und damit endet dann die Ausbildung der Mädchen. Die Eltern sind über jedes verheiratete Kind froh, damit sie eine Person weniger mitfinanzieren müssen. In ihrer finanziellen Not und Verzweiflung verkaufen manche Eltern ihre Kinder sogar in den Westen (Stichwort Menschenhandel - Minderjährige werden u. U. an die Prostitution verkauft). Der rumänische Pastor, der einige Verteilungen für uns plante und durchführte, hatte 30 Jahre mit seiner Familie in den USA gelebt und kehrte vor wenigen Jahren mit seiner Frau zurück nach Rumänien, um eine Kirchengemeinde zu gründen und dort zu helfen, wo die Not am größten ist. Er erzählte uns, dass sich die Situation bezüglich des Kinderhandels in manchen Dörfern bereits massiv verbessert habe, seit seine Frau und er ein Auge auf die Menschen dort haben. In vielen Gesprächen wird in der Gemeinde daran gearbeitet, den Menschen andere Auswege und Perspektiven aufzuzeigen.

Hoffnung zu Menschen bringen, die keinen Ausweg aus der Armut sehen -
das machen unsere engagierten Partner vor Ort in den Verteilerländern!


Was die Reise in mir bewirkte

Durch meine Teilnahme an der Reise wurde ich fest darin bestärkt, noch aktiver für „Weihnachten im Schuhkarton“ tätig zu sein und noch mehr Menschen dafür zu begeistern, da ich mit eigenen Augen sah, wie ein einziger Schuhkarton das Leben eines Kindes verändern kann. Die Liebe, die die Päckchenpacker und Sammelstellen in den Karton investieren, kommt beim Kind an! Und was mir besonders positiv auffiel ist die Nachhaltigkeit dieser Aktion. Das Geschenk endet nämlich nicht mit der Freude durch die Übergabe des Schuhkartons, sondern der Schuhkarton ist eigentlich nur der Anfang einer Kette von Hilfsleistungen auf unterschiedlichsten Ebenen. Der bei uns gepackte Schuhkarton ebnet den Weg für engagierte Menschen und Kirchengemeinden in den "Empfängerländern", um Kontakt zu den Familien in Not herzustellen. Besonders beispielhaft kann man das anhand der Situation von Roma-Kindern erklären: Roma fristen ein Dasein in Ausgrenzung und Abschottung. Sie bleiben für gewöhnlich unter sich und es ist sehr schwierig, die Kinder in staatliche oder kirchliche Einrichtungen (z.B. Schulen, Nachmittagsbetreuung) zu integrieren. Der Schuhkarton jedoch setzt eine nachhaltige Kette in Gang: Kinder kommen zur Nachmittagsbetreuung, wo sie Nachhilfe für die Schule und warme Mahlzeiten bekommen, sie können an verschiedenen Freizeitangeboten teilnehmen (Jungschar, Sport- und Spielgruppen, Kinderkreise usw.), sie erfahren Liebe und Wertschätzung durch christliche Gemeindemitglieder oder auch staatliche Sozialarbeiter und sie lernen, sich zu integrieren – ein erster Schritt aus dem Elend!

Manuela in Aktion - am liebsten hätte sie jedes der Kinder
mit dicker Kleidung ausgestattet


Was hat sich durch die Reise für mich verändert?

Ich sehe „Weihnachten im Schuhkarton“ nun mit anderen Augen. Es war wirklich unglaublich zu sehen, was unsere Partner vor Ort an Beziehungsarbeit leisten. Die Aktion hört nicht mit der Übergabe des Schuhkartons auf - das ist so großartig! Auch stehe ich nun umso mehr hinter der erbetenen Geldspende pro Karton, weil ich einfach erkennen konnte dass hier ein riesiges Netzwerk an Logistik und geschulten Personen dahintersteht, das finanziert werden MUSS. Es ist ein ausschließlich über Spenden finanziertes Projekt, das keine politischen oder kirchlichen Geldgeber im Hintergrund hat. Und eine professionelle Abwicklung kostet, wie überall, eben Geld. Daher sollte die kleine Barspende zum Karton wirklich ein fixer Bestandteil des Geschenks sein, damit diese großartige Aktion samt ihrer Nachhaltigkeit noch lange lebt. Ich bin sehr dankbar für die Erfahrungen, die ich bei dem Besuch in Rumänien 2015 machen durfte, und ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen aus Österreich und den anderen deutschsprachigen Ländern die Chance dazu hätten, erkennen zu dürfen, dass sie auf der Sonnenseite Europas geboren wurden. Ich freue mich, ein kleines Rädchen im großen Gefüge von „Weihnachten im Schuhkarton“ zu sein und gehe mit vollem Eifer in die neue Saison 2016!


Dienstag, 2. Februar 2016

Knipsen für den guten Zweck

Grazer Fotograf startete großartige Aktion 

Ein Bericht von Silke Sedlak, "Weihnachten im Schuhkarton" Österreich


Im Dezember lud Gerd Tschebular, ein junger österreichischer Fotograf, zum kostenlosen Fotoshooting für den guten Zweck! Zwei Tage lang wurde gegen eine freiwillige Spende geknipst was das Zeugt hält. 100 Prozent der Einnahmen wurden an „Weihnachten im Schuhkarton“ gespendet: 1.870 Euro kamen zusammen!
Unter dem Motto „Come as you are, pay what you want“ stand das Fotoatelier in Graz am 11. und 13. Dezember 2015 ganz im Zeichen von „Weihnachten im Schuhkarton“. Ganztägig wurde geknipst, jeder war willkommen: „Egal ob männlich oder weiblich, jung oder alt, mit Modelerfahrung oder nicht – es spielt keine Rolle. Kommt genau wie ihr seid, ich fotografiere euch“, lautete der ambitionierte Aufruf z. B. auf Gerds Facebook-Seite. 
© Gerd Tschebular
Bezahlen mussten Gerds Fotomodelle an jenen beiden Tagen nichts. Er stellte seine Künste ehrenamtlich zur Verfügung und erbat dafür Spenden: „Überlegt euch genau, wie viel euch solche Bilder wert sind und wie viel ihr normalerweise bereit wärt, dafür auszugeben. Zahlt, was ihr für richtig haltet“, verkündete der Fotograf im Vorfeld. 
Gerd Tschebular liebt es, Menschen zu fotografieren. © Gerd Tschebular

Gesagt, getan. Die Gratis-Fotoaktion sorgte für viel positives Feedback und alle 56 Teilnehmer erhielten am Ende zwei hochwertige, digital retuschierte Bilder: „Zwei Tage, 24 Stunden, 2.742 Bilder und ein übermüdeter Fotograf. Das sind nur ein paar Fakten zu den letzten wahnsinnigen Tagen, aber ich kann euch eines sagen: Ich würd´s sofort wieder machen“, schrieb der junge Grazer nach getaner Arbeit auf seiner Facebook-Seite.
Auch in der Zeitung wurde über den engagierten Fotografen berichtet.
Die insgesamt 56 Teilnehmer spendeten stolze 1.870 Euro, die direkt an unsere Aktion gingen. Die kleine Idee des Fotografen hatte somit eine große Wirkung: Mit 1.870 Euro konnten die Abwicklungskosten für insgesamt 312 Schuhkartons übernommen werden!

„Ob ich es 2016 wieder machen werde? Wir werden es sehen. Ich hätte schon wieder die eine oder andere neue Idee im Ärmel und vielleicht sind wir ja heuer wieder am Start. Nur noch größer und noch besser“, meinte er lachend.

Es sind Menschen wie Gerd Tschebular, die unsere Aktion so besonders machen: Trotz allem Stress in der Vorweihnachtszeit beweisen sie, dass man auch mit kleinen Taten für seine Mitmenschen da sein kann! Jeder hat Begabungen, Fähigkeiten und Talente, die er gewinnbringend einsetzen kann. Und viele von euch tun außerordentlich viel Gutes damit – DANKE!