Dienstag, 12. Januar 2016

Polens Kinder brauchen Päckchen – jetzt erst recht!

Autorin: Jenifer Girke

In den letzten Wochen habt ihr schon einiges über unsere WiSionsreise nach Rumänien gelesen, doch eure Schuhkartons erreichen natürlich auch Kinder in anderen Ländern. Zwei weitere Teams mit Mitarbeitern und Ehrenamtlichen waren in Polen und der Slowakei unterwegs. Gerade wenn wir über Polen reden, hören wir viel Kritik: Den Menschen dort ginge es wirtschaftlich doch gut, die Kinder bräuchten keine Schuhkartons und das, was die mittlerweile allein regierende, nationalkonservative und rechtsgerichtete Partei PiS mit dem europäischen Gedanken macht, dürfe man nicht unterstützen.


„Weihnachten im Schuhkarton“ ist für Kinder, nicht für Politiker

Aber was können Kinder für das Verhalten von Politiker? Sind nicht gerade die Kinder diejenigen, die oft am meisten unter gesellschaftlichen Missständen leiden, weil sie sich am wenigstens wehren können? Die Annahme, eure Päckchen wären in Polen nicht so notwendig wie in anderen Ländern, ist absolut nachvollziehbar, denn die Medien richten ihre Berichterstattung nicht auf die gesellschaftlichen Brennpunkte, sondern konzentrieren sich eher darauf, welche Fahnen bei der Pressekonferenz zu sehen sind.

Kinder wie der 9-jährige Pavel verstehen nichts von Politik, aber sie wissen, wie es ist, Hunger zu haben und zu frieren. 
Und sie haben Wünsche, die wir ihnen mit euren Schuhkartons erfüllen wollen.


Doch „Weihnachten im Schuhkarton“ kennt keine Staffelung nach dem Motto „Bedürftige Kinder und noch bedürftigere Kinder“. Jedes Kind braucht Liebe und Zuneigung, Schutz und Geborgenheit, gerade zu Weihnachten. Und die Geschichten, die uns das Team aus Polen mitgebracht haben, zeigen, wie sehr eure Schuhkartons in Polen gebraucht werden.


Eine Puppe – ein Mädchen – ein Grund zur Freude

Als alleinerziehende Mutter steht man vor großen Herausforderungen. Doch wenn man kaum etwas zum Leben hat, werden diese Herausforderungen schnell zu einer scheinbar unerklimmbaren Hürde. Wenn man dann auch noch Zwillinge bekommt, ist die Verzweiflung schnell größer als die Freude über das doppelte Lebensglück. So geht es auch der Mutter von dem Zwillingspaar Lucia und Kacper.

Die kleine Lucia freut sich über die Schokolade, die sie essen darf.
Direkt danach entdeckt sie auch eine Puppe, in die sie sich sofort verliebt.


Vom Mann verlassen, versucht sie ihr Menschenmögliches, ihren Kindern ein Leben zu bieten, in dem sie nicht hungern und nicht frieren müssen. Auch, wenn sie die materielle Versorgung oft überfordert, merkt man schnell, dass sie durch Liebe und Zuneigung die unerfüllten Kinderwünsche, den Hunger und den kalten Durchzug in der Wohnung  wieder „gutmachen“ möchte.

Die Tochter Lucia leidet unter einer Lebensmittelallergie, womit die Kosten für die Nahrungsmittel noch höher und die Wege zu den speziellen Einkaufsläden noch weiter sind. Diesen Mehraufwand für äquivalente Produkte kann sich Lucias Mutter nicht leisten und damit wird der Ernährungsplan nur noch schmäler, unausgewogener und ungesünder. Das eh schon von Mangel gekennzeichnete Leben des kleinen Mädchens, erfährt durch diese Einschränkung noch mehr Entbehrungen, die sie vor allem im Alltag im Umgang mit anderen Kindern schmerzhaft daran erinnert, was sie alles nicht hat und nicht darf.

Unser Mitarbeiter Oliver war das erste Mal mit auf einer Verteilung und ganz hin und weg von der süßen Lucia.


Doch als „Weihnachten im Schuhkarton“ im Dezember die Familie besucht, werden all diese Sorgen über Board geworfen. Kascper erhält sein erstes Spielzeugauto und rollt sofort damit drauf los. Und Lucia? Sie war an diesem Tag ein ganz normales Mädchen, das sich von Herzen und mit übersprudelndem Lachen über eine Puppe freuen durfte. Ihre Kinder so glücklich und unbeschwert zu sehen, war für die alleinerziehende Mutter ein Geschenk, was sie sich niemals hätte erträumen lassen!


Gewalt hat keinen Platz im Schuhkarton

Ein dreijähriges Mädchen sollte jeden Tag die Liebe ihrer Eltern spüren, etwas Neues im Leben entdecken und die Welt aus ihrer Perspektive bestaunen dürfen. Doch Wiktorias Welt sieht anders aus: Schmerz, Hass, Angst. Sie ist mit ihren beiden Brüdern, Oskar (fünf Jahre) und Jakob (sieben Jahre) und der Mutter aus ihrem Zuhause und damit vor häuslicher Gewalt geflohen. Jetzt lebt die Familie vorübergehend in einem Heim.

Traumatisiert und eingeschüchtert ein fröhliches Weihnachten erleben? Kaum vorstellbar. Doch Kinder geben uns Erwachsenen immer wieder Grund zum Staunen, denn sie beschenken uns bei den kleinsten Gesten mit einem Herz erwärmenden Lächeln, einer Umarmung oder einem lauten Freudenschrei. So auch Wictoria – sie war hin und weg von ihrer neuen Mützen und bei der Verabschiedung fielen sich alle voller Dankbarkeit in die Arme. Ein Moment des Friedens und des Glücks. Dank eurer Schuhkartons!

Die kleine Wictoria freut sich über die Mütze, die genau auf ihren süßen Kopf passt.
Schal und Handschuhe gibt es gleich passend dazu!


„Frozen“ und doch zum Dahinschmelzen

Neben der Freude der Kinder, die natürlich zum Mitfreuen anregt, gibt es auch noch eine andere Bereicherung bei den Verteilungen – die Herzlichkeit der Familien. Bei Haus-zu-Haus-Verteilungen gewähren die Familien „uns Fremden“ einen Einblick in deren Lebenswelt mit dem Wissen, dass wir aus einem reichen Land kommen. Oft erfahren wir, wie sehr sich die Menschen für ihre Armut schämen und diese sogar vertuschen wollen. Doch gleichzeitig sind sie äußerst gastfreundlich und warmherzig.

So auch in Dyminek, einem kleinen Ort in der Nähe von Szczecinek – eine stolze Großmutter, ihre drei Söhne, vier Töchter und die Enkelkinder begrüßten unser Team in einem schäbigen Haus. Trotz der ärmlichen Umgebung bemühte sich die Großmutter, alles ordentlich und sauber zu halten und ein Gefühl von Gemütlichkeit zu erzeugen. Es gab sogar etwas Kuchen und Kekse, die zuerst von unserem Team gekostet werden sollten, bevor sich die Familie selbst daran bediente.

Genau wie der Teddybär, hat auch die 5-jährige Kinga ihr Herz genau am richtigen Fleck! 


Eine ganze Familie hat sich versammelt, um mitzuerleben, wie die Kinder beschenkt werden. Es geht nicht um das eigene Geschenk, sondern um Mitfreuen und Dankbarkeit zeigen. Die nicht-christliche Familie hat zum ersten Mal von der Weihnachtsgeschichte in Bethlehem gehört und jeder der Anwesenden hörte gespannt zu. Doch wie es sich gehört, war die Geschenkverteilung der große Höhepunkt! Natascha (dreieinhalb Jahre), Pavel (13 Jahre) und Kinga (fünf Jahre) packten aus, lachten, schrien vor Freude auf und vertieften sich voll und ganz in ihre Geschenke.

Am eindrücklichsten für unser Team war die kleine Kinga: Sie hatte sich sehnlichst Filzstifte zum Malen gewünscht und ist ein großer Fan von der Disney-Eisprinzessin in dem Film „Frozen“. Und was war in ihrem Schuhkarton? Ein Filtstift-Set mit den Motiven von „Frozen“.

Ein Herzenswunsch geht in Erfüllung: Kinga bekommt ihre heiß geliebten Filzstifte
 mit Motiven des Kinderfilmes "Frozen"



Auf der ganzen Welt gibt es benachteiligte Kinder, die vergessen werden und an Weihnachten traurig mit ihren unerfüllten Träumen zurückbleiben. Einige davon haben wir in Polen getroffen und konnten mit euren Schuhkartons dafür sorgen, dass sie nicht vergessen werden, sondern jetzt wissen: Jemand denkt an mich. Jemand hat mich lieb.


Kommentare:

  1. Deine Berichte sind großartig ;) und natürlich bin ich dieses Jahr wieder mit dabei !!
    Ganz liebe Grüsse Elisabeth

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank für das Lob und noch mehr fürs Mitmachen! Weiter so!

      Löschen
  2. Irgendwo habe ich darüber schon gelesen, aber hier habe ich gelernt, vieles mehr. Ich gratuliere dem Autor des Eintrags und Herzlich grüße ich!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Santana, vielen lieben Dank für dein tolles Feedback. Ich freue mich, wenn wir mit unseren Schilderungen erklären, verständlich machen und verbinden können. Ganz liebe Grüße

      Löschen