Samstag, 2. Januar 2016

Eine Reise mit vielen Begegnungen – Teil 2

Autorin: Jenifer Girke

Vor einigen Tagen habt ihr Eindrücke über den ersten Teil unserer Rumänienreise bekommen und schon viele Geschichten gelesen, die wir dort erlebt haben. Jetzt geht die Reise weiter und beginnt mit einem Schicksal, was wir in unserer von freiheitlichen Grundwerten gekennzeichneten Gesellschaft kaum nachvollziehen können.


Begegnungen von Tag 3

Heirat als Teenager wegen kultureller Tradition

An unserem dritten Tag trafen wir wieder auf eine Romasiedlung, jedoch nicht mehr in Constanta, sondern in dem Bezirk Tulcea. Eine Geschichte, die mich nicht mehr losgelassen hat, war die wunderschöne Mihalea, die alleine mit ihren sechs Geschwistern in einem Raum wohnt und deren Eltern nach Schweden gingen, um dort auf der Straße zu betteln. Über sie konntet ihr bereits einen Blogartikel lesen: http://bit.ly/blog_mihalea.

Mihaela lebt alleine mit ihren 7 Geschwistern in einer
alten Baracke in einer rumänischen Romasiedlung.

Mihaelas Eltern sind nach Schweden gegangen,
um dort zu etwas Geld zu erbetteln.


Doch dort, wo Mihaela wohnt, haben wir noch weitaus mehr Kinder getroffen. Eine Tradition der Sinti und Roma ist die frühe Heirat im Teenagealter: Wenn die Mädchen 10 Jahre alt sind, werden sie an eine andere Familie verkauft. Nur vor ihrem 10. Lebensjahr können sie die Schule besuchen, denn wenn sie einmal verheiratet sind, müssen sie der Familie des Mannes gehorchen, Hausfrau sein und viel zu früh viel zu viele Kinder bekommen. Bildung oder Wissen ist in diesen Kreisen nichts wert: Ich habe viele der Mädchen und Jungen gefragt, was sie einmal werden möchten und als Reaktion sah ich immer wieder, wie die Kinder überfragt nach unten schauten. Pläne hat man hier nicht, Träume gibt es nicht, Fähigkeiten werden nicht erkannt und nicht gefördert. Jeder tut das, was die Kultur vorschreibt.

Aurice, 26 Jahre alt, ist Mutter von zwei Kindern, Elvis und Catalin -
sie leben in einer kleinen Hausruine ohne Strom oder fließendem Wasser.

So geht es auch Lupu. Er ist 10 Jahre alt und verheiratet. Seine Ehefrau ist ebenfalls 10 Jahre alt. Sie wurde für lächerliche 15 Euro an Lupus Familie verkauft – ein sehr niedriger Preis, selbst in Romafamilien. Doch der Preis, den die Kinder zahlen, ist bei Weitem höher. Der Vater zwang seinen Sohn sogar, mit dem Mädchen sexuellen Kontakt zu haben. Das wollten beide natürlich nicht, woraufhin der Vater den kleinen Lupu schlug und schmerzhaft verprügelte. 

Dass Lupu noch so lächeln kann, ist ein wahres Wunder.
Mit 10 Jahren zwangsverheiratet, zu sexuellem Kontakt genötigt -
der tapfere Junge musste schon viel ertragen in seinem jungen Leben.


Als ich Lupu traf, sah ich ihn in einer Art Kindertagesstätte – hier hat er einen Rückzugsort und kann das tun, was er zu Hause nicht darf: lernen, spielen, Kind sein. Hier hat er auch seinen Schuhkarton bekommen und durfte eine ganz besondere Weihnachtsfeier miterleben. Auf den ersten Blick scheint er ein ganz normaler Junge zu sein, der viel lacht und sich freut. Doch seine Betreuer kennen auch die traurige Seite in ihm, die vor allem dann hochkommt, wenn er wieder nach Hause muss. Die Schuhkartons aber stellen eine Art Brücke zu den Roma-Kindern dar und geben sozialen Einrichtungen einen Zugang zu einem Teil der Gesellschaft, der sich sonst rigoros abschotten würde. Das ist viel Wert. Lupu ist viel Wert. Und genau das hat er durch euren Schuhkarton erleben dürfen.


Dieser 10-jähriger Junge durfte bis vor einem Jahr noch nie eine Schule besuchen,
doch seine Wissenslust und der Wille, etwas zu lernen, sind so stark,
dass er mittlerweile Klassenbester ist und uns voller Stolz
eine Weihnachtsgeschichte vorgelesen hat.


Begegnungen von Tag 4

„Ich will nicht in die Welt raus, ich will hier helfen“

An unserem vierten Tag durfte ich viel Zeit mit Daniela verbringen, die uns in Tulcea bei vielen Verteilungen u.a. als Übersetzerin unterstützte. Ihre Geschichte und besondere Persönlichkeit fanden wir derart begeisternd, dass wir unsere Pläne umschmissen und spontan einen Film über sie drehten. Daniela ist 22 Jahre jung, kommt aus armen Verhältnissen in Tulcea und musste einige schwere Schicksalsschläge wegstecken. Der härteste war der Tod ihres Vaters – er litt schon lange an Alkoholsucht und starb an einem Herzinfarkt. Als Kind genoss sie zwar ein geborgenes Zuhause, doch in diesem Zuhause gab es nicht viel mehr als Liebe und Zuneigung, was vielleicht die Seele, aber nicht den Magen satt machen konnte.

Obwohl Daniela schon schwere Schicksalsschläge erleiden musste,
schöpft sie immer wieder neue Kraft - aus ihrem Glauben, ihrer Familie und der Möglichkeit,
Kindern mit EUREN Schuhkartons eine Freude zu machen.


Es ist sehr schwer, aus dem Abwärtssog herauszutreten, in dem viele Rumänen stecken: Kommt man aus einer armen Familie, kennt man nur das arme Leben, dann ist der Schritt zu einer armen Zukunft viel kleiner als der zu einer Zukunft mit Bildungsabschluss, Arbeitsstelle und Perspektive. Dieser unbekannte Weg beinhaltet Schritte, die für die meisten Rumänen unbekannt sind, unerreichbar scheinen und viele Ängste schüren, nicht zuletzt die des Scheiterns.


Anstatt in die weite Welt zu reisen und sich von den Problemen Rumäniens abzuwenden,
bleibt Daniela da und kümmert sich um die Kleinsten der Gesellschaft.


Doch Daniela hat keine Angst, im Gegenteil: Sie lebt und studiert in Bukarest, absolviert ihren Bachelor in Moderne Sprachen der Wirtschaft, möchte bereits im Juni einen Master in Dolmetschen dransetzen, spricht fließend Englisch, Italienisch, relativ gutes Französisch und etwas Spanisch. Eine Frau voller Potenziale, die viele Möglichkeiten hat, von ihren Fähigkeiten zu leben, besonders im Ausland. Doch Daniela hat andere Pläne: „Vielleicht werde ich in meinem Land keinen Job bekommen, aber nur hier kann ich den Menschen helfen. Ich möchte soziale Arbeit leisten.“ Außerdem wäre im Ausland auch ihre Mutter zu weit weg, mit der sie am liebsten heiße Schokolade trinkt und liebevoll herumblödet. „Ich bin sehr stolz auf meine Tochter. Sie ist ein so fröhlicher Mensch und gibt mir so viel Lebensfreude. Wir haben eine sehr enge Bindung, die für immer bestehen wird“, erzählt mir Vali (der Spitzname von Danielas Mutter) mit Tränen in den Augen.

Daniela weiß, wie wichtig so ein Schuhkarton für ein Kind ist.
Denn sie selbst hat einen erhalten, als sie sieben Jahre alt war.


Als ich ihr von meinen Begegnungen mit den Romakindern erzähle, drängt sich mir die Frage auf, ob sie sich als privilegiert ansieht. Daniela lächelte und sagte: „Ja, auf jeden Fall. Ich habe immer ein behütetes Zuhause gehabt, ich habe eine wundervolle Mutter und ich habe Jesus in meinem Leben. Vielleicht habe ich nicht immer das bekommen, was ich wollte, aber ich hatte alles, was ich brauchte. Das macht mich zu einem privilegierten Kind.“
Daniela hat selbst als Kind einen Schuhkarton bekommen und ist schon seit der Highschool als Ehrenamtliche bei "Weihnachten im Schuhkarton" dabei. Wie sie das in Erinnerung hat und was diese beeindruckende Frau noch so alles zu erzählen hat, seht ihr in einem unserer neuen Filme.

Kein Weg ist zu holprig - Daniela macht sich auch mit dem Boot auf den Weg
zu den Kindern, um sie mit EUREN Schuhkartons zu überraschen.



Auch Schuhkartons machen mal eine Ausnahme

Nicoletta ist 18 Jahre alt und lebt mit zwei Brüdern und ihrer Mutter in einem abgelegenen Dorf namens Crisan, das wir nur mit dem Boot erreichen konnten. Eigentlich sind unsere ältesten Empfängerkinder 14 Jahre alt. Aber durch ihre Krankheit ist Nicoletta motorisch und geistlich sehr eingeschränkt. Deswegen haben wir uns dazu entschieden, hier sehr gerne eine Ausnahme zu machen – diese Überraschung in ihrem Gesicht, die Freude über jedes einzelne der Geschenke war übergroß. Am allermeisten hat sich Nicoletta über die Stifte gefreut, denn damit kann sie in der Schule alles mitschreiben und muss sich nicht zu viel auf einmal merken.


Der Satz "Du bist geliebt!" überwindet Altersgrenzen, Krankheiten
und Vorurteile! Es ist so schön, dich lachen zu sehen, Nicoletta!


Begegnungen an Tag 5

Eine Mutter lügt, um die Armut zu vertuschen

Rumänien leidet unter flächendeckender Armut, die in jeder Region in anderer Art und Weise ausbricht und enorme Unterschiede in den einzelnen Gemeinden hervorbringt. Kinder der untersten Gesellschaftsschicht sitzen in der Schule neben Kindern aus Familien, bei denen das Geld zumindest für Essen und Kleidung ausreicht. Um nicht zu sehr aufzufallen, versuchen die besonders Armen ihre Not zu vertuschen, denn selbst in einer Gesellschaft, in der fast jeder auf Hilfe und Unterstützung angewiesen ist, werden die besonders Hilfsbedürftigen oftmals ausgeschlossen und herabschauend behandelt. 

Cornelia ist 3 Jahre alt und lebt in einer sehr armen Familie.
Doch in ihrem Schuhkarton war eine super warme Daunenjacke,
die ihr wie angegossen passt. Jetzt muss sie nicht mehr so sehr frieren!


Auf einer Verteilung in dem rumänischen Dorf Dunavatul de Jos haben wir genau das erlebt: Als der kleine Katuze seinen Schuhkarton bekommen hat und wir seine Mutter fragten, wie sie Weihnachten verbringen, erzählte sie uns schillernde Geschichten von Geschenken unter dem Weihnachtsbaum und etwas ganz Besonderem zu essen. Glaubwürdig sah sie dabei nicht aus, vielmehr traurig, als ob sie gerade eine Wunschvorstellung, nicht aber die Realität beschreibt. Später wurde dieser Eindruck bestätigt und wir erfuhren, unter welch schrecklich armen Umständen die Familie lebt. Essen können sie sich kaum leisten, geschweige denn einen Weihnachtsbaum oder Geschenke. 

Der kleine Katuze konnte es kaum glauben,
dass so viele Süßigkeiten und Spielsachen ihm alleine gehören.
Die Freude und sein ganzer Stolz ist wirklich nicht zu übersehen!



Ein Indiz dafür war auch schon die Reaktion von Katuze auf seinen Schuhkarton: Der Dreijährige beschäftigte sich nicht etwa mit seinen neuen Spielsachen oder probierte gleich mal die Stifte aus, sondern er riss gierig die Süßigkeiten auf, um etwas zum Essen zu haben. Beide Hände waren so voll, dass ihm die einzelnen Lutscher herunterfielen. Den Schokoweihnachtsmann versuchte er sogar mit der Verpackung zu essen. Er und seine fünf Geschwister haben noch nie zuvor Süßigkeiten bekommen oder gegessen. Der kleine Katuze war ganz perplex und konnte kaum glauben, dass all das für ihn war. Auch alle anderen Gegenstände in dem Päckchen wie Zahnpasta und Zahnbürste werden seinen Alltag sehr bereichern. Diese Armut zu sehen ist schmerzhaft, aber dass sich die Familien deswegen verstecken und es dadurch noch schwieriger ist zu helfen, ist fast noch schlimmer. Nichtsdestotrotz: Der Schuhkarton ist angekommen und sagt dem kleinen Katuze: DU bist geliebt!

Wenn man mit so einem Abschlussbild eine Reise mit Schuhkartons beendet,
kann man trotz aller traurigen Lebensgeschichten mit einem Lächeln und ganz viel Dankbarkeit zurückkehren.
Und was noch wichtiger ist: Weiterpacken!


„Du kehrst von einer Reise nie so zurück, wie du sie angetreten hast.“ Dieses Sprichwort bringt es auf den Punkt: Mit all den Bildern und den Erfahrungen dieser fünf Tage werde ich noch intensiver, noch berührter, noch begeisterter und noch dankbarer Fotos aussuchen, Worte wählen und Texte veröffentlichen. Ich hoffe, ihr konntet durch diese Schilderungen ein Stück mit auf unsere Reise gehen, Rumänien und seine Menschen besser kennenlernen und ihre Geschichten nachempfinden. Es gibt noch so viele weitere Geschichten zu erzählen, die ihr immer wieder auf Facebook, auf dem Blog und bald auch in einigen neuen Filmen entdecken könnt. Denn diese Begegnungen sind nicht nur für uns als „Weihnachten im Schuhkarton“-Team eine Motivation und Bestätigung, sondern besonders für unsere Mitpacker und Unterstützer. Jedes Päckchen erreicht ein anderes Kind; jedes Kind hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt und gehört zu werden. 

Mit euren Schuhkartons wird Geschichte geschrieben!

Diese Reise ging allerdings noch weiter, und zwar in Deutschland. Denn hier haben wir auf 40 Weihnachtsfeiern Schuhkartons an Flüchtlingskinder verteilt. Eine Verteilung fand im thüringischen Ohrdruf statt. Dort waren wir nicht mehr mit Armut konfrontiert, sondern mit Müttern, die jahrelang Angst haben mussten, dass ihre Kinder getötet oder misshandelt oder vergewaltigt wurden; die eine gefährliche Flucht auf sich nahmen, um ihrem Lebenstraum näher zu kommen: Sicherheit. Und so lief die Verteilung ab: http://bit.ly/blog_flüchtlingskinder_verteilung 




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