Mittwoch, 27. Januar 2016

Die Slowakei - ein EU-Land in Not

Autorin: Jenifer Girke

Die Slowakei ist bereits seit dem 1. Mai 2004 EU-Mitgliedsstaat. Doch das bedeutet nicht, dass gesellschaftliche Probleme wie Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit überwunden wären. Ein Team aus Mitarbeitern von Geschenke der Hoffnung war im Dezember 2015 auf WiSionsreise in der Slowakei und was sie dort gesehen haben, war kein europäischer Wohlstand. Im Gegenteil - notleidende Kinder, die nichts haben und sich über alles freuen. Besonders über eure Schuhkartons!


Lernen in der Baracke

Schulkinder in Deutschland oder Österreich sind sich oft nicht bewusst, welches Privileg ein gutes Bildungssystem ist. Doch nicht nur die Schulpflicht, ein an Bildung interessiertes Elternhaus, Förderklassen, Nachhilfemöglichkeiten, Schulbuchbasare oder ein warmes Mittagessen im Kinderhort sind wertzuschätzende Angebote, die die meisten unserer Gesellschaft in Anspruch nehmen können. Auch der technologische Fortschritt, modern ausgestattete Klassenzimmer oder der Einbezug von neuen Medien gehören zu unserem Bildungssystem dazu. 


Die Schuhkartonverteilung in der Slowakei wird mit Spielen und einem Quiz aufgelockert.
Da darf auch mal nach hinten gesehen werden, um sich einen Tipp abzuholen.



Schulen in der Slowakei gleichen eher alten, stillgelegten, heruntergekommenen Fabrikhallen. Auch ist den Kindern oft der Bildungsweg versperrt - die Eltern selbst sind es häufig, die ihre Kinder aus der Verzweiflung heraus lieber auf die Straße zum Betteln schicken als in die Schule zum Lernen. Jeder Tag, an dem die Mädchen und Jungen ihre Bücher aufschlagen dürfen, ihre Gedanken von den Lasten im Alltag ablenken können und etwas für ihre Zukunft lernen, ist ein Geschenk und alles andere als selbstverständlich. Umso dankbarer haben unsere Kollegen Schülerinnen und Schüler in der west-slowakischen Stadt Dulovce erlebt. Hinter kaputten Wänden, zerschlagenen Fenstern und modrigen Gerüchen versteckten sich 40 gespannte, voller Vorfreude erfüllte Kinder. Ein Junge sprang sofort hilfsbereit auf und wollte mit den schweren Versandkartons helfen.

Hier wird sofort mit angepackt. Schließlich geht es um eure Schuhkartongeschenke!


Die fleißigen Schulkinder haben eine ganze Weihnachtsfeier mit einem aufwendigen Theaterstück über die Weihnachtsgeschichte in Bethlehem inszeniert. Danach gab es noch eine beeindruckende Tanzperformance mit viel Roma-Temperament und ein Weihnachtspop-Lied. Was für ein Einsatz! Die Kinder wollen nicht einfach nur die Geschenke haben, sondern zeigen auf ihre Weise, wie dankbar sie dafür sind.

Das Jesuskind ist klar zu erkennen bei dem tollen Theaterstück.
Weihnachtsspaß mit bunten Kostümen und aufgeregten Kindern


Das lässt einen über die eigene Wahrnehmung all der Privilegien nachsinnen, mit denen wir tagtäglich beschenkt werden. Und es macht deutlich: Die Schuhkartons kommen da an, wo sie hingehören, denn in den Päckchen waren viele Schulhefte und Stifte für den Unterricht (und natürlich auch Süßigkeiten und Spielsachen für die Pausen).

Unser Ehrenamtlicher Herr Winkler hat sichtlich Spaß mit den Kids.



Freunde überraschen sich mit einem Schuhkarton

Piešťany ist eine Stadt ca. 80 km entfernt von Bratislava. Dort hat sich eine kleine Gemeinde gebildet, die auch von sechs Kindern besucht wird. Für dieses Weihnachten haben die Kinder Freunde eingeladen, sodass unser Team 20 Jungs und Mädchen beschenken konnte. Doch die Freunde wussten nichts von der Schuhkarton-Aktion - eine gelungene Weihnachtsüberraschung!

Kleine Geschenke machen große Freude!


So mancher Beschenkter konnte sein Glück kaum fassen, musste sich erstmal hinsetzen und etwas nur Beruhigung naschen. Doch solange auch immer Zahnpasta und Zahnbürste dabei sind, hat Karies keine Chance.

Süßes und Zahnpflege - eine super Kombi gegen Karies!



Schenken ist heilsam

Das Holíč Crisis Center ist ein Frauenhaus in Holíč an der tschechisch-slowakischen Grenze und beherbergt 15 Mütter mit insgesamt 26 Kindern. Es sind verlassene, misshandelte, teilweise obdachlose Frauen, die voller Verzweiflung in diese Obhut gelangen, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Viele von ihnen sind es gewohnt für das Überleben ihrer Kinder zu stehlen, deswegen sind Spints, Schubladen und Kühlschränke stets verschlossen. 


Sämtliche Schränke werden zur Sicherheit abgesperrt - zu tief sitzen alte Gewohnheiten.
Die Kinder haben sich sehr über die Päckchen gefreut.


Die Erfahrung, dass ihre Kinder einfach so ein Geschenk erhalten, weil sie geliebt und angenommen sind, ist für die Mütter mindestens genauso heilsam wie für die Kinder. Und der wandelnde Schuhkarton war ein großer Spaß für alle Beteiligten!


Als Ablenkung zum tristen Alltag macht sich so ein wandelnder Schuhkarton richtig gut!


Unsere slowakischen Ehrenamtlichen haben echt viel Stil - und Humor! 



Mission Teddybären

Das Ehepaar Winkler engagiert sich schon seit Jahren ehrenamtlich für unsere Aktion und war dieses Mal mit auf WiSionsreise in der Slowakei. Doch neben den Schuhkartons hatten sie noch eine andere Mission: 50 kleine Plüschtiere, die sie an die Kinder verteilten und die ihnen so manche unvergessliche Begegnung schenkten. Einen Teddybären in der Hosentasche zu haben, ist immer gut, wenn man mit „Weihnachten im Schuhkarton“ unterwegs ist. Doch Vorsicht: Sobald die Kleinen etwas Flauschiges sehen, ist es schneller aus der Hosentasche, als man "Teddybär" sagen kann.

Immer griffbereit: die Teddybären von Ehepaar Winkler aus Deutschland.


Adoption als letzter Ausweg

In einem Kulturzentrum im slowakischen Stupava lernte unser Team Claudia kennen. Die erst 23-Jährige hat zwei Töchter, Monika (3) und Nicoletta (4) und ist im sechsten Monat schwanger. Das ungeborene Kind will sie zur Adoption freigeben, weil das Geld nicht reicht und die ganze Familie jetzt schon in nur einem Zimmer wohnt. Trotz der Schwierigkeiten beschenken die Mädchen unser Team mit ganz viel Freude, einem Herz erwärmenden Lächeln und jubeln lautstark über einen weißen Plüschbären.




Monika und Nicoletta freuen sich von ganzem Herzen -
da weiß man gar nicht, wen man zuerst in den Arm nehmen möchte.

Die Slowakei hat viele Probleme und für die meisten noch keine Lösung. Während Deutschland, Österreich und andere EU-Staaten momentan primär Flüchtlinge, Obergrenze und Koalitionszankereien auf die Agenda setzen, gehen die bestehenden Probleme in ganz anderen europäischen Gebieten unter. Auch, weil man nichts davon in den Medien mitbekommt. Natürlich kann sich Frau Merkel nicht um alles und jeden kümmern und selbst eine starke Staatengemeinschaft wie die EU stößt an ihre Grenzen und ist kein Garant für Frieden, Wohlstand und Gleichberechtigung. Umso wichtiger ist es, dass diese Kinder und ihre Bedürfnisse in unserem Bewusstsein bleibt und wir nicht von bestehenden Problemen wegschauen, weil es anderswo noch größere oder aktuellere gibt. Notleidende Kinder. Zwei Wörter, die die Notwendigkeit von jedem Schuhkarton zeigen. Gestern, heute und auch in der kommenden Saison. 





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