Mittwoch, 27. Januar 2016

Die Slowakei - ein EU-Land in Not

Autorin: Jenifer Girke

Die Slowakei ist bereits seit dem 1. Mai 2004 EU-Mitgliedsstaat. Doch das bedeutet nicht, dass gesellschaftliche Probleme wie Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit überwunden wären. Ein Team aus Mitarbeitern von Geschenke der Hoffnung war im Dezember 2015 auf WiSionsreise in der Slowakei und was sie dort gesehen haben, war kein europäischer Wohlstand. Im Gegenteil - notleidende Kinder, die nichts haben und sich über alles freuen. Besonders über eure Schuhkartons!


Lernen in der Baracke

Schulkinder in Deutschland oder Österreich sind sich oft nicht bewusst, welches Privileg ein gutes Bildungssystem ist. Doch nicht nur die Schulpflicht, ein an Bildung interessiertes Elternhaus, Förderklassen, Nachhilfemöglichkeiten, Schulbuchbasare oder ein warmes Mittagessen im Kinderhort sind wertzuschätzende Angebote, die die meisten unserer Gesellschaft in Anspruch nehmen können. Auch der technologische Fortschritt, modern ausgestattete Klassenzimmer oder der Einbezug von neuen Medien gehören zu unserem Bildungssystem dazu. 


Die Schuhkartonverteilung in der Slowakei wird mit Spielen und einem Quiz aufgelockert.
Da darf auch mal nach hinten gesehen werden, um sich einen Tipp abzuholen.



Schulen in der Slowakei gleichen eher alten, stillgelegten, heruntergekommenen Fabrikhallen. Auch ist den Kindern oft der Bildungsweg versperrt - die Eltern selbst sind es häufig, die ihre Kinder aus der Verzweiflung heraus lieber auf die Straße zum Betteln schicken als in die Schule zum Lernen. Jeder Tag, an dem die Mädchen und Jungen ihre Bücher aufschlagen dürfen, ihre Gedanken von den Lasten im Alltag ablenken können und etwas für ihre Zukunft lernen, ist ein Geschenk und alles andere als selbstverständlich. Umso dankbarer haben unsere Kollegen Schülerinnen und Schüler in der west-slowakischen Stadt Dulovce erlebt. Hinter kaputten Wänden, zerschlagenen Fenstern und modrigen Gerüchen versteckten sich 40 gespannte, voller Vorfreude erfüllte Kinder. Ein Junge sprang sofort hilfsbereit auf und wollte mit den schweren Versandkartons helfen.

Hier wird sofort mit angepackt. Schließlich geht es um eure Schuhkartongeschenke!


Die fleißigen Schulkinder haben eine ganze Weihnachtsfeier mit einem aufwendigen Theaterstück über die Weihnachtsgeschichte in Bethlehem inszeniert. Danach gab es noch eine beeindruckende Tanzperformance mit viel Roma-Temperament und ein Weihnachtspop-Lied. Was für ein Einsatz! Die Kinder wollen nicht einfach nur die Geschenke haben, sondern zeigen auf ihre Weise, wie dankbar sie dafür sind.

Das Jesuskind ist klar zu erkennen bei dem tollen Theaterstück.
Weihnachtsspaß mit bunten Kostümen und aufgeregten Kindern


Das lässt einen über die eigene Wahrnehmung all der Privilegien nachsinnen, mit denen wir tagtäglich beschenkt werden. Und es macht deutlich: Die Schuhkartons kommen da an, wo sie hingehören, denn in den Päckchen waren viele Schulhefte und Stifte für den Unterricht (und natürlich auch Süßigkeiten und Spielsachen für die Pausen).

Unser Ehrenamtlicher Herr Winkler hat sichtlich Spaß mit den Kids.



Freunde überraschen sich mit einem Schuhkarton

Piešťany ist eine Stadt ca. 80 km entfernt von Bratislava. Dort hat sich eine kleine Gemeinde gebildet, die auch von sechs Kindern besucht wird. Für dieses Weihnachten haben die Kinder Freunde eingeladen, sodass unser Team 20 Jungs und Mädchen beschenken konnte. Doch die Freunde wussten nichts von der Schuhkarton-Aktion - eine gelungene Weihnachtsüberraschung!

Kleine Geschenke machen große Freude!


So mancher Beschenkter konnte sein Glück kaum fassen, musste sich erstmal hinsetzen und etwas nur Beruhigung naschen. Doch solange auch immer Zahnpasta und Zahnbürste dabei sind, hat Karies keine Chance.

Süßes und Zahnpflege - eine super Kombi gegen Karies!



Schenken ist heilsam

Das Holíč Crisis Center ist ein Frauenhaus in Holíč an der tschechisch-slowakischen Grenze und beherbergt 15 Mütter mit insgesamt 26 Kindern. Es sind verlassene, misshandelte, teilweise obdachlose Frauen, die voller Verzweiflung in diese Obhut gelangen, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Viele von ihnen sind es gewohnt für das Überleben ihrer Kinder zu stehlen, deswegen sind Spints, Schubladen und Kühlschränke stets verschlossen. 


Sämtliche Schränke werden zur Sicherheit abgesperrt - zu tief sitzen alte Gewohnheiten.
Die Kinder haben sich sehr über die Päckchen gefreut.


Die Erfahrung, dass ihre Kinder einfach so ein Geschenk erhalten, weil sie geliebt und angenommen sind, ist für die Mütter mindestens genauso heilsam wie für die Kinder. Und der wandelnde Schuhkarton war ein großer Spaß für alle Beteiligten!


Als Ablenkung zum tristen Alltag macht sich so ein wandelnder Schuhkarton richtig gut!


Unsere slowakischen Ehrenamtlichen haben echt viel Stil - und Humor! 



Mission Teddybären

Das Ehepaar Winkler engagiert sich schon seit Jahren ehrenamtlich für unsere Aktion und war dieses Mal mit auf WiSionsreise in der Slowakei. Doch neben den Schuhkartons hatten sie noch eine andere Mission: 50 kleine Plüschtiere, die sie an die Kinder verteilten und die ihnen so manche unvergessliche Begegnung schenkten. Einen Teddybären in der Hosentasche zu haben, ist immer gut, wenn man mit „Weihnachten im Schuhkarton“ unterwegs ist. Doch Vorsicht: Sobald die Kleinen etwas Flauschiges sehen, ist es schneller aus der Hosentasche, als man "Teddybär" sagen kann.

Immer griffbereit: die Teddybären von Ehepaar Winkler aus Deutschland.


Adoption als letzter Ausweg

In einem Kulturzentrum im slowakischen Stupava lernte unser Team Claudia kennen. Die erst 23-Jährige hat zwei Töchter, Monika (3) und Nicoletta (4) und ist im sechsten Monat schwanger. Das ungeborene Kind will sie zur Adoption freigeben, weil das Geld nicht reicht und die ganze Familie jetzt schon in nur einem Zimmer wohnt. Trotz der Schwierigkeiten beschenken die Mädchen unser Team mit ganz viel Freude, einem Herz erwärmenden Lächeln und jubeln lautstark über einen weißen Plüschbären.




Monika und Nicoletta freuen sich von ganzem Herzen -
da weiß man gar nicht, wen man zuerst in den Arm nehmen möchte.

Die Slowakei hat viele Probleme und für die meisten noch keine Lösung. Während Deutschland, Österreich und andere EU-Staaten momentan primär Flüchtlinge, Obergrenze und Koalitionszankereien auf die Agenda setzen, gehen die bestehenden Probleme in ganz anderen europäischen Gebieten unter. Auch, weil man nichts davon in den Medien mitbekommt. Natürlich kann sich Frau Merkel nicht um alles und jeden kümmern und selbst eine starke Staatengemeinschaft wie die EU stößt an ihre Grenzen und ist kein Garant für Frieden, Wohlstand und Gleichberechtigung. Umso wichtiger ist es, dass diese Kinder und ihre Bedürfnisse in unserem Bewusstsein bleibt und wir nicht von bestehenden Problemen wegschauen, weil es anderswo noch größere oder aktuellere gibt. Notleidende Kinder. Zwei Wörter, die die Notwendigkeit von jedem Schuhkarton zeigen. Gestern, heute und auch in der kommenden Saison. 





Dienstag, 12. Januar 2016

Polens Kinder brauchen Päckchen – jetzt erst recht!

Autorin: Jenifer Girke

In den letzten Wochen habt ihr schon einiges über unsere WiSionsreise nach Rumänien gelesen, doch eure Schuhkartons erreichen natürlich auch Kinder in anderen Ländern. Zwei weitere Teams mit Mitarbeitern und Ehrenamtlichen waren in Polen und der Slowakei unterwegs. Gerade wenn wir über Polen reden, hören wir viel Kritik: Den Menschen dort ginge es wirtschaftlich doch gut, die Kinder bräuchten keine Schuhkartons und das, was die mittlerweile allein regierende, nationalkonservative und rechtsgerichtete Partei PiS mit dem europäischen Gedanken macht, dürfe man nicht unterstützen.


„Weihnachten im Schuhkarton“ ist für Kinder, nicht für Politiker

Aber was können Kinder für das Verhalten von Politiker? Sind nicht gerade die Kinder diejenigen, die oft am meisten unter gesellschaftlichen Missständen leiden, weil sie sich am wenigstens wehren können? Die Annahme, eure Päckchen wären in Polen nicht so notwendig wie in anderen Ländern, ist absolut nachvollziehbar, denn die Medien richten ihre Berichterstattung nicht auf die gesellschaftlichen Brennpunkte, sondern konzentrieren sich eher darauf, welche Fahnen bei der Pressekonferenz zu sehen sind.

Kinder wie der 9-jährige Pavel verstehen nichts von Politik, aber sie wissen, wie es ist, Hunger zu haben und zu frieren. 
Und sie haben Wünsche, die wir ihnen mit euren Schuhkartons erfüllen wollen.


Doch „Weihnachten im Schuhkarton“ kennt keine Staffelung nach dem Motto „Bedürftige Kinder und noch bedürftigere Kinder“. Jedes Kind braucht Liebe und Zuneigung, Schutz und Geborgenheit, gerade zu Weihnachten. Und die Geschichten, die uns das Team aus Polen mitgebracht haben, zeigen, wie sehr eure Schuhkartons in Polen gebraucht werden.


Eine Puppe – ein Mädchen – ein Grund zur Freude

Als alleinerziehende Mutter steht man vor großen Herausforderungen. Doch wenn man kaum etwas zum Leben hat, werden diese Herausforderungen schnell zu einer scheinbar unerklimmbaren Hürde. Wenn man dann auch noch Zwillinge bekommt, ist die Verzweiflung schnell größer als die Freude über das doppelte Lebensglück. So geht es auch der Mutter von dem Zwillingspaar Lucia und Kacper.

Die kleine Lucia freut sich über die Schokolade, die sie essen darf.
Direkt danach entdeckt sie auch eine Puppe, in die sie sich sofort verliebt.


Vom Mann verlassen, versucht sie ihr Menschenmögliches, ihren Kindern ein Leben zu bieten, in dem sie nicht hungern und nicht frieren müssen. Auch, wenn sie die materielle Versorgung oft überfordert, merkt man schnell, dass sie durch Liebe und Zuneigung die unerfüllten Kinderwünsche, den Hunger und den kalten Durchzug in der Wohnung  wieder „gutmachen“ möchte.

Die Tochter Lucia leidet unter einer Lebensmittelallergie, womit die Kosten für die Nahrungsmittel noch höher und die Wege zu den speziellen Einkaufsläden noch weiter sind. Diesen Mehraufwand für äquivalente Produkte kann sich Lucias Mutter nicht leisten und damit wird der Ernährungsplan nur noch schmäler, unausgewogener und ungesünder. Das eh schon von Mangel gekennzeichnete Leben des kleinen Mädchens, erfährt durch diese Einschränkung noch mehr Entbehrungen, die sie vor allem im Alltag im Umgang mit anderen Kindern schmerzhaft daran erinnert, was sie alles nicht hat und nicht darf.

Unser Mitarbeiter Oliver war das erste Mal mit auf einer Verteilung und ganz hin und weg von der süßen Lucia.


Doch als „Weihnachten im Schuhkarton“ im Dezember die Familie besucht, werden all diese Sorgen über Board geworfen. Kascper erhält sein erstes Spielzeugauto und rollt sofort damit drauf los. Und Lucia? Sie war an diesem Tag ein ganz normales Mädchen, das sich von Herzen und mit übersprudelndem Lachen über eine Puppe freuen durfte. Ihre Kinder so glücklich und unbeschwert zu sehen, war für die alleinerziehende Mutter ein Geschenk, was sie sich niemals hätte erträumen lassen!


Gewalt hat keinen Platz im Schuhkarton

Ein dreijähriges Mädchen sollte jeden Tag die Liebe ihrer Eltern spüren, etwas Neues im Leben entdecken und die Welt aus ihrer Perspektive bestaunen dürfen. Doch Wiktorias Welt sieht anders aus: Schmerz, Hass, Angst. Sie ist mit ihren beiden Brüdern, Oskar (fünf Jahre) und Jakob (sieben Jahre) und der Mutter aus ihrem Zuhause und damit vor häuslicher Gewalt geflohen. Jetzt lebt die Familie vorübergehend in einem Heim.

Traumatisiert und eingeschüchtert ein fröhliches Weihnachten erleben? Kaum vorstellbar. Doch Kinder geben uns Erwachsenen immer wieder Grund zum Staunen, denn sie beschenken uns bei den kleinsten Gesten mit einem Herz erwärmenden Lächeln, einer Umarmung oder einem lauten Freudenschrei. So auch Wictoria – sie war hin und weg von ihrer neuen Mützen und bei der Verabschiedung fielen sich alle voller Dankbarkeit in die Arme. Ein Moment des Friedens und des Glücks. Dank eurer Schuhkartons!

Die kleine Wictoria freut sich über die Mütze, die genau auf ihren süßen Kopf passt.
Schal und Handschuhe gibt es gleich passend dazu!


„Frozen“ und doch zum Dahinschmelzen

Neben der Freude der Kinder, die natürlich zum Mitfreuen anregt, gibt es auch noch eine andere Bereicherung bei den Verteilungen – die Herzlichkeit der Familien. Bei Haus-zu-Haus-Verteilungen gewähren die Familien „uns Fremden“ einen Einblick in deren Lebenswelt mit dem Wissen, dass wir aus einem reichen Land kommen. Oft erfahren wir, wie sehr sich die Menschen für ihre Armut schämen und diese sogar vertuschen wollen. Doch gleichzeitig sind sie äußerst gastfreundlich und warmherzig.

So auch in Dyminek, einem kleinen Ort in der Nähe von Szczecinek – eine stolze Großmutter, ihre drei Söhne, vier Töchter und die Enkelkinder begrüßten unser Team in einem schäbigen Haus. Trotz der ärmlichen Umgebung bemühte sich die Großmutter, alles ordentlich und sauber zu halten und ein Gefühl von Gemütlichkeit zu erzeugen. Es gab sogar etwas Kuchen und Kekse, die zuerst von unserem Team gekostet werden sollten, bevor sich die Familie selbst daran bediente.

Genau wie der Teddybär, hat auch die 5-jährige Kinga ihr Herz genau am richtigen Fleck! 


Eine ganze Familie hat sich versammelt, um mitzuerleben, wie die Kinder beschenkt werden. Es geht nicht um das eigene Geschenk, sondern um Mitfreuen und Dankbarkeit zeigen. Die nicht-christliche Familie hat zum ersten Mal von der Weihnachtsgeschichte in Bethlehem gehört und jeder der Anwesenden hörte gespannt zu. Doch wie es sich gehört, war die Geschenkverteilung der große Höhepunkt! Natascha (dreieinhalb Jahre), Pavel (13 Jahre) und Kinga (fünf Jahre) packten aus, lachten, schrien vor Freude auf und vertieften sich voll und ganz in ihre Geschenke.

Am eindrücklichsten für unser Team war die kleine Kinga: Sie hatte sich sehnlichst Filzstifte zum Malen gewünscht und ist ein großer Fan von der Disney-Eisprinzessin in dem Film „Frozen“. Und was war in ihrem Schuhkarton? Ein Filtstift-Set mit den Motiven von „Frozen“.

Ein Herzenswunsch geht in Erfüllung: Kinga bekommt ihre heiß geliebten Filzstifte
 mit Motiven des Kinderfilmes "Frozen"



Auf der ganzen Welt gibt es benachteiligte Kinder, die vergessen werden und an Weihnachten traurig mit ihren unerfüllten Träumen zurückbleiben. Einige davon haben wir in Polen getroffen und konnten mit euren Schuhkartons dafür sorgen, dass sie nicht vergessen werden, sondern jetzt wissen: Jemand denkt an mich. Jemand hat mich lieb.


Samstag, 2. Januar 2016

Eine Reise mit vielen Begegnungen – Teil 2

Autorin: Jenifer Girke

Vor einigen Tagen habt ihr Eindrücke über den ersten Teil unserer Rumänienreise bekommen und schon viele Geschichten gelesen, die wir dort erlebt haben. Jetzt geht die Reise weiter und beginnt mit einem Schicksal, was wir in unserer von freiheitlichen Grundwerten gekennzeichneten Gesellschaft kaum nachvollziehen können.


Begegnungen von Tag 3

Heirat als Teenager wegen kultureller Tradition

An unserem dritten Tag trafen wir wieder auf eine Romasiedlung, jedoch nicht mehr in Constanta, sondern in dem Bezirk Tulcea. Eine Geschichte, die mich nicht mehr losgelassen hat, war die wunderschöne Mihalea, die alleine mit ihren sechs Geschwistern in einem Raum wohnt und deren Eltern nach Schweden gingen, um dort auf der Straße zu betteln. Über sie konntet ihr bereits einen Blogartikel lesen: http://bit.ly/blog_mihalea.

Mihaela lebt alleine mit ihren 7 Geschwistern in einer
alten Baracke in einer rumänischen Romasiedlung.

Mihaelas Eltern sind nach Schweden gegangen,
um dort zu etwas Geld zu erbetteln.


Doch dort, wo Mihaela wohnt, haben wir noch weitaus mehr Kinder getroffen. Eine Tradition der Sinti und Roma ist die frühe Heirat im Teenagealter: Wenn die Mädchen 10 Jahre alt sind, werden sie an eine andere Familie verkauft. Nur vor ihrem 10. Lebensjahr können sie die Schule besuchen, denn wenn sie einmal verheiratet sind, müssen sie der Familie des Mannes gehorchen, Hausfrau sein und viel zu früh viel zu viele Kinder bekommen. Bildung oder Wissen ist in diesen Kreisen nichts wert: Ich habe viele der Mädchen und Jungen gefragt, was sie einmal werden möchten und als Reaktion sah ich immer wieder, wie die Kinder überfragt nach unten schauten. Pläne hat man hier nicht, Träume gibt es nicht, Fähigkeiten werden nicht erkannt und nicht gefördert. Jeder tut das, was die Kultur vorschreibt.

Aurice, 26 Jahre alt, ist Mutter von zwei Kindern, Elvis und Catalin -
sie leben in einer kleinen Hausruine ohne Strom oder fließendem Wasser.

So geht es auch Lupu. Er ist 10 Jahre alt und verheiratet. Seine Ehefrau ist ebenfalls 10 Jahre alt. Sie wurde für lächerliche 15 Euro an Lupus Familie verkauft – ein sehr niedriger Preis, selbst in Romafamilien. Doch der Preis, den die Kinder zahlen, ist bei Weitem höher. Der Vater zwang seinen Sohn sogar, mit dem Mädchen sexuellen Kontakt zu haben. Das wollten beide natürlich nicht, woraufhin der Vater den kleinen Lupu schlug und schmerzhaft verprügelte. 

Dass Lupu noch so lächeln kann, ist ein wahres Wunder.
Mit 10 Jahren zwangsverheiratet, zu sexuellem Kontakt genötigt -
der tapfere Junge musste schon viel ertragen in seinem jungen Leben.


Als ich Lupu traf, sah ich ihn in einer Art Kindertagesstätte – hier hat er einen Rückzugsort und kann das tun, was er zu Hause nicht darf: lernen, spielen, Kind sein. Hier hat er auch seinen Schuhkarton bekommen und durfte eine ganz besondere Weihnachtsfeier miterleben. Auf den ersten Blick scheint er ein ganz normaler Junge zu sein, der viel lacht und sich freut. Doch seine Betreuer kennen auch die traurige Seite in ihm, die vor allem dann hochkommt, wenn er wieder nach Hause muss. Die Schuhkartons aber stellen eine Art Brücke zu den Roma-Kindern dar und geben sozialen Einrichtungen einen Zugang zu einem Teil der Gesellschaft, der sich sonst rigoros abschotten würde. Das ist viel Wert. Lupu ist viel Wert. Und genau das hat er durch euren Schuhkarton erleben dürfen.


Dieser 10-jähriger Junge durfte bis vor einem Jahr noch nie eine Schule besuchen,
doch seine Wissenslust und der Wille, etwas zu lernen, sind so stark,
dass er mittlerweile Klassenbester ist und uns voller Stolz
eine Weihnachtsgeschichte vorgelesen hat.


Begegnungen von Tag 4

„Ich will nicht in die Welt raus, ich will hier helfen“

An unserem vierten Tag durfte ich viel Zeit mit Daniela verbringen, die uns in Tulcea bei vielen Verteilungen u.a. als Übersetzerin unterstützte. Ihre Geschichte und besondere Persönlichkeit fanden wir derart begeisternd, dass wir unsere Pläne umschmissen und spontan einen Film über sie drehten. Daniela ist 22 Jahre jung, kommt aus armen Verhältnissen in Tulcea und musste einige schwere Schicksalsschläge wegstecken. Der härteste war der Tod ihres Vaters – er litt schon lange an Alkoholsucht und starb an einem Herzinfarkt. Als Kind genoss sie zwar ein geborgenes Zuhause, doch in diesem Zuhause gab es nicht viel mehr als Liebe und Zuneigung, was vielleicht die Seele, aber nicht den Magen satt machen konnte.

Obwohl Daniela schon schwere Schicksalsschläge erleiden musste,
schöpft sie immer wieder neue Kraft - aus ihrem Glauben, ihrer Familie und der Möglichkeit,
Kindern mit EUREN Schuhkartons eine Freude zu machen.


Es ist sehr schwer, aus dem Abwärtssog herauszutreten, in dem viele Rumänen stecken: Kommt man aus einer armen Familie, kennt man nur das arme Leben, dann ist der Schritt zu einer armen Zukunft viel kleiner als der zu einer Zukunft mit Bildungsabschluss, Arbeitsstelle und Perspektive. Dieser unbekannte Weg beinhaltet Schritte, die für die meisten Rumänen unbekannt sind, unerreichbar scheinen und viele Ängste schüren, nicht zuletzt die des Scheiterns.


Anstatt in die weite Welt zu reisen und sich von den Problemen Rumäniens abzuwenden,
bleibt Daniela da und kümmert sich um die Kleinsten der Gesellschaft.


Doch Daniela hat keine Angst, im Gegenteil: Sie lebt und studiert in Bukarest, absolviert ihren Bachelor in Moderne Sprachen der Wirtschaft, möchte bereits im Juni einen Master in Dolmetschen dransetzen, spricht fließend Englisch, Italienisch, relativ gutes Französisch und etwas Spanisch. Eine Frau voller Potenziale, die viele Möglichkeiten hat, von ihren Fähigkeiten zu leben, besonders im Ausland. Doch Daniela hat andere Pläne: „Vielleicht werde ich in meinem Land keinen Job bekommen, aber nur hier kann ich den Menschen helfen. Ich möchte soziale Arbeit leisten.“ Außerdem wäre im Ausland auch ihre Mutter zu weit weg, mit der sie am liebsten heiße Schokolade trinkt und liebevoll herumblödet. „Ich bin sehr stolz auf meine Tochter. Sie ist ein so fröhlicher Mensch und gibt mir so viel Lebensfreude. Wir haben eine sehr enge Bindung, die für immer bestehen wird“, erzählt mir Vali (der Spitzname von Danielas Mutter) mit Tränen in den Augen.

Daniela weiß, wie wichtig so ein Schuhkarton für ein Kind ist.
Denn sie selbst hat einen erhalten, als sie sieben Jahre alt war.


Als ich ihr von meinen Begegnungen mit den Romakindern erzähle, drängt sich mir die Frage auf, ob sie sich als privilegiert ansieht. Daniela lächelte und sagte: „Ja, auf jeden Fall. Ich habe immer ein behütetes Zuhause gehabt, ich habe eine wundervolle Mutter und ich habe Jesus in meinem Leben. Vielleicht habe ich nicht immer das bekommen, was ich wollte, aber ich hatte alles, was ich brauchte. Das macht mich zu einem privilegierten Kind.“
Daniela hat selbst als Kind einen Schuhkarton bekommen und ist schon seit der Highschool als Ehrenamtliche bei "Weihnachten im Schuhkarton" dabei. Wie sie das in Erinnerung hat und was diese beeindruckende Frau noch so alles zu erzählen hat, seht ihr in einem unserer neuen Filme.

Kein Weg ist zu holprig - Daniela macht sich auch mit dem Boot auf den Weg
zu den Kindern, um sie mit EUREN Schuhkartons zu überraschen.



Auch Schuhkartons machen mal eine Ausnahme

Nicoletta ist 18 Jahre alt und lebt mit zwei Brüdern und ihrer Mutter in einem abgelegenen Dorf namens Crisan, das wir nur mit dem Boot erreichen konnten. Eigentlich sind unsere ältesten Empfängerkinder 14 Jahre alt. Aber durch ihre Krankheit ist Nicoletta motorisch und geistlich sehr eingeschränkt. Deswegen haben wir uns dazu entschieden, hier sehr gerne eine Ausnahme zu machen – diese Überraschung in ihrem Gesicht, die Freude über jedes einzelne der Geschenke war übergroß. Am allermeisten hat sich Nicoletta über die Stifte gefreut, denn damit kann sie in der Schule alles mitschreiben und muss sich nicht zu viel auf einmal merken.


Der Satz "Du bist geliebt!" überwindet Altersgrenzen, Krankheiten
und Vorurteile! Es ist so schön, dich lachen zu sehen, Nicoletta!


Begegnungen an Tag 5

Eine Mutter lügt, um die Armut zu vertuschen

Rumänien leidet unter flächendeckender Armut, die in jeder Region in anderer Art und Weise ausbricht und enorme Unterschiede in den einzelnen Gemeinden hervorbringt. Kinder der untersten Gesellschaftsschicht sitzen in der Schule neben Kindern aus Familien, bei denen das Geld zumindest für Essen und Kleidung ausreicht. Um nicht zu sehr aufzufallen, versuchen die besonders Armen ihre Not zu vertuschen, denn selbst in einer Gesellschaft, in der fast jeder auf Hilfe und Unterstützung angewiesen ist, werden die besonders Hilfsbedürftigen oftmals ausgeschlossen und herabschauend behandelt. 

Cornelia ist 3 Jahre alt und lebt in einer sehr armen Familie.
Doch in ihrem Schuhkarton war eine super warme Daunenjacke,
die ihr wie angegossen passt. Jetzt muss sie nicht mehr so sehr frieren!


Auf einer Verteilung in dem rumänischen Dorf Dunavatul de Jos haben wir genau das erlebt: Als der kleine Katuze seinen Schuhkarton bekommen hat und wir seine Mutter fragten, wie sie Weihnachten verbringen, erzählte sie uns schillernde Geschichten von Geschenken unter dem Weihnachtsbaum und etwas ganz Besonderem zu essen. Glaubwürdig sah sie dabei nicht aus, vielmehr traurig, als ob sie gerade eine Wunschvorstellung, nicht aber die Realität beschreibt. Später wurde dieser Eindruck bestätigt und wir erfuhren, unter welch schrecklich armen Umständen die Familie lebt. Essen können sie sich kaum leisten, geschweige denn einen Weihnachtsbaum oder Geschenke. 

Der kleine Katuze konnte es kaum glauben,
dass so viele Süßigkeiten und Spielsachen ihm alleine gehören.
Die Freude und sein ganzer Stolz ist wirklich nicht zu übersehen!



Ein Indiz dafür war auch schon die Reaktion von Katuze auf seinen Schuhkarton: Der Dreijährige beschäftigte sich nicht etwa mit seinen neuen Spielsachen oder probierte gleich mal die Stifte aus, sondern er riss gierig die Süßigkeiten auf, um etwas zum Essen zu haben. Beide Hände waren so voll, dass ihm die einzelnen Lutscher herunterfielen. Den Schokoweihnachtsmann versuchte er sogar mit der Verpackung zu essen. Er und seine fünf Geschwister haben noch nie zuvor Süßigkeiten bekommen oder gegessen. Der kleine Katuze war ganz perplex und konnte kaum glauben, dass all das für ihn war. Auch alle anderen Gegenstände in dem Päckchen wie Zahnpasta und Zahnbürste werden seinen Alltag sehr bereichern. Diese Armut zu sehen ist schmerzhaft, aber dass sich die Familien deswegen verstecken und es dadurch noch schwieriger ist zu helfen, ist fast noch schlimmer. Nichtsdestotrotz: Der Schuhkarton ist angekommen und sagt dem kleinen Katuze: DU bist geliebt!

Wenn man mit so einem Abschlussbild eine Reise mit Schuhkartons beendet,
kann man trotz aller traurigen Lebensgeschichten mit einem Lächeln und ganz viel Dankbarkeit zurückkehren.
Und was noch wichtiger ist: Weiterpacken!


„Du kehrst von einer Reise nie so zurück, wie du sie angetreten hast.“ Dieses Sprichwort bringt es auf den Punkt: Mit all den Bildern und den Erfahrungen dieser fünf Tage werde ich noch intensiver, noch berührter, noch begeisterter und noch dankbarer Fotos aussuchen, Worte wählen und Texte veröffentlichen. Ich hoffe, ihr konntet durch diese Schilderungen ein Stück mit auf unsere Reise gehen, Rumänien und seine Menschen besser kennenlernen und ihre Geschichten nachempfinden. Es gibt noch so viele weitere Geschichten zu erzählen, die ihr immer wieder auf Facebook, auf dem Blog und bald auch in einigen neuen Filmen entdecken könnt. Denn diese Begegnungen sind nicht nur für uns als „Weihnachten im Schuhkarton“-Team eine Motivation und Bestätigung, sondern besonders für unsere Mitpacker und Unterstützer. Jedes Päckchen erreicht ein anderes Kind; jedes Kind hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt und gehört zu werden. 

Mit euren Schuhkartons wird Geschichte geschrieben!

Diese Reise ging allerdings noch weiter, und zwar in Deutschland. Denn hier haben wir auf 40 Weihnachtsfeiern Schuhkartons an Flüchtlingskinder verteilt. Eine Verteilung fand im thüringischen Ohrdruf statt. Dort waren wir nicht mehr mit Armut konfrontiert, sondern mit Müttern, die jahrelang Angst haben mussten, dass ihre Kinder getötet oder misshandelt oder vergewaltigt wurden; die eine gefährliche Flucht auf sich nahmen, um ihrem Lebenstraum näher zu kommen: Sicherheit. Und so lief die Verteilung ab: http://bit.ly/blog_flüchtlingskinder_verteilung