Sonntag, 20. Dezember 2015

Eine Reise mit vielen Begegnungen – Teil 1

Autorin: Jenifer Girke

Seit August bin ich Redakteurin bei Geschenke der Hoffnung und halte euch stets auf dem Laufenden über „Weihnachten im Schuhkarton“. Ich habe nahezu alle Fotos von den letzten WiSionsreisen gesehen, kenne jedes Video fast auswendig, kann aus dem FF mehrere Geschichten von Empfängerkindern erzählen und weiß nicht mehr, wie oft ich mich über den Anblick eines lachenden Kindes gefreut habe, während ich all die Facebook-Posts und Blogartikel verfassen durfte. Doch seit letztem Sonntag hat sich etwas Grundsätzliches geändert, denn in den letzten fünf Tagen war unser Medienteam wieder unterwegs. Dieses Mal in Rumänien, und ich mittendrin.

Mittendrin, zwischen Freude und Verzweiflung, Geschenke und Armut, Mitgefühl und Fassungslosigkeit. Jetzt kenne ich nicht nur die Fotos, sondern habe selbst mit den Kindern geredet. Ich schreibe nicht nur über die ärmlichen Verhältnisse, ich habe selbst in den Baracken gestanden und gefroren. Ich sehe nicht nur das Kinderlachen, ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehört. 


Filmset in einer armen Romasiedlung in Tulcea. Wir frieren in Winterkleidung, die Kinder um uns tragen nur dünne Hosen, kaputte Schuhe und manche laufen sogar barfuß herum.


Alle Begegnungen und Verteilungen würden den Rahmen von einem oder zwei (oder drei oder vier) Blogartikel bei Weitem sprengen, doch ein paar der vielen einzigartigen Geschichten möchten wir gleich mit euch teilen, damit ihr wisst, wie eindrucksvoll diese Reise mit EUREN Schuhkartons war.


Begegnungen von Tag 1

Etwas zurückgeben erfüllt das Leben mit Sinn

Am Montagmorgen trafen wir uns mit unseren rumänischen Kollegen, um den ersten Dreh zu starten. Wir besuchten eine junge Frau namens Esther, die eine tragende Rolle in einem unserer kommenden Filme spielen wird. Esther ist ein Opfer der rumänischen Problemgesellschaft – hier ist es unglaublich schwer, eine Arbeit zu finden und die Familie zu ernähren. Aus diesem Grund ist Esthers Mutter nach Italien gegangen und hat ihre Tochter mit zwei Brüdern und dem Vater alleine gelassen. Die 24-Jährige putzt, kocht, wascht und erzieht ihre Brüder. Nebenbei hat sie ein Studium der Politikwissenschaft und Geschichte absolviert, doch sie hegt wenig Hoffnung, auch in diesem Beruf zu arbeiten: „Ich werde hier keine Stelle finden und wer sollte sich dann um meine Familie kümmern?“ 

Seit Esthers Mutter fortgegangen ist, ist ihre Großmutter die einzige weibliche enge Verwandte. Zu ihr kann sie gehen, wenn der Haushalt, die Erziehung der Brüder und die Launen des Vaters einfach zu viel werden. 

Eigentlich hätte Esther kaum einen Grund, um positiv in ihre Zukunft zu blicken. Außer einen: „Weihnachten im Schuhkarton“. Denn als sie noch ein kleines Mädchen war, hat sie selbst einen Schuhkarton bekommen und dadurch erfahren, dass sie geliebt und wertvoll ist: „Dieses Gefühl will ich an all die anderen Kinder weitergeben.“ Genau das macht sie: Schon viele Jahre engagiert sich Esther bei „Weihnachten im Schuhkarton“ und wurde erst vor kurzem gefragt, ob sie nicht Regionalleiterin von dem Gebiet Constanta werden will: „Dieses Angebot bedeutet mir sehr viel, denn es heißt, dass man mir vertraut.“ Wir vertrauen Esther auch und sind begeistert von ihrer Lebensfreude und ihrer grenzenlosen Liebe zu den Kindern ihres Landes.

Eine junge Frau mit einem starken Willen, den Menschen in ihrem Land zu helfen - und zwar mit euren Schuhkartons!

Ein Engel für Straßenkinder

Gabriela ist 37 Jahre alt und Leiterin des Kindergartens „Second Chance“ im rumänischen Mangalia. Sie kümmert sich rührend um jeden einzelnen ihrer Schützlinge, mit viel Aufmerksamkeit, Liebe und Zuneigung – Dinge, die den Kindern zu Hause oft fehlen. Sie holt kleine Kinder von der Straße, gibt ihnen etwas Warmes zu essen und nimmt sie liebevoll in den Arm, wenn sie traurig sind. Jeden Tag, immer wieder, seit 12 Jahren: „Einmal wollte ich kündigen, ich hatte sogar schon einen anderen Vertrag unterschrieben, aber dann hat Gott mein Herz verändert und ich konnte einfach nicht gehen. Zum Glück, denn diese Kinder gehören zu mir!“ 

Bainol ist eines von Gabrielas Schützlingen, den sie liebevoll in die Gruppe mitaufgenommen hat.

Eines dieser Kinder ist Bainol, der von Sozialarbeitern in einem ganz verstörten Zustand zu Gabriela kam. Er wusste weder seinen Namen, noch wo er herkam und Nähe konnte er nur schwer aushalten. Tag für Tag ließ er die anderen Kinder und seine Kindergärtnerin etwas mehr an sich heran und fing an zu verstehen, dass es Menschen gibt, die ihn lieben. Genau das wurde ihm an diesem Weihnachten auf eine ganz neue Art und Weise gezeigt: mit einem Schuhkarton. Wie groß war seine Freude, als er all die liebevollen Geschenke auspacken durfte! Und Gabriela stand mit Tränen in den Augen vor uns und bedankte sich: „Genau das brauchen diese Kinder. Sie sollen wissen, wie sehr sie geliebt sind. Danke, dass Sie das möglich machen.“ Dieser Dank geht natürlich an euch, an alle Päckchenpacker und Spender!


Als eingeschüchtertes Straßenkind kam Bainol in den Kindergarten,
jetzt ist er ein glücklich beschenkter Junge.


Schuhkarton im Schlamm auspacken

Eine von Armut besonders stark betroffene Gruppe der Gesellschaft in Rumänien sind die Sinti und Roma. In der Nachbarschaft Colonisti leben viele Romafamilien unter nur schwer vorstellbaren Bedingungen. Zunächst dachte ich, wir würden auf eine Müllhalde fahren, so viel Abfall und Dreck lag dort herum. Als die Kinder ihre Schuhkartons bekommen haben, setzten sie sich auf den dreckigen Boden, rissen die Kartons auf und freuten sich von Herzen über all die Geschenke. Sie kümmerten sich nicht um die Schlammpfützen, die Minusgrade oder die herumlaufenden Tiere, die gierig an den Schuhkartons rochen. Diese Mädchen und Jungen waren durch eure Geschenke ganz weit entfernt von ihrer Armut und dem harten Alltag, denn dieser Alltag wurde durch die Bescherung unterbrochen und gab den Kindern einen Grund zur Freude.


Die kleine Elif ist gerade einmal zwei Jahre alt und war ganz fasziniert von ihrem Schuhkarton.
So viel Aufmerksamkeit ist die Kleine nicht gewohnt.
Selcuic sagte vor der Verteilung: "Ich freue mich so sehr, dass ich überhaupt ein Geschenk bekomme;
mir ist nicht wichtig, was da drin ist."

Begegnungen von Tag 2 

Nicht jeder will die Schuhkartons

Auf der Reise mussten wir auch erleben, wie sich Menschen negativ beeinflussen ließen und den Kindern die Freude über einen Schuhkarton verwehren wollten. Als wir in dem Dorf Darabani ankamen, erwarteten wir 140 Kinder einer Grundschule; wir waren perfekt vorbereitet und sogar die Sängerin Déborah Rosenkranz war mit ihrem Gitarristen Simon dabei, um den Kindern ein Lied voller Liebe und Hoffnung vorzusingen. Doch dann erhielten wir die Nachricht, dass sich die Schulleiterin plötzlich umentschieden hatte; früh morgens traf sie in der Schule ein und verschloss sogar die Tür zu dem Zimmer, das für die Verteilung extra hergerichtet worden war. Der Grund ist kaum zu glauben: Ein orthodoxer Priester befürchtete, dass ihm durch die Schuhkartons zu viele Menschen aus dem Gottesdienst fernbleiben und eine andere Gemeinde suchen würden. Unser Verteilpartner in dem Bezirk Mangalia ist selbst Pastor und kennt die Ängste der Orthodoxen: „Wir geben den Menschen eine Botschaft voller Hoffnung und Nächstenliebe mit auf den Weg. Bei uns werden sie nicht mit einem strafenden Gott und der ewigen Sünde konfrontiert. Sie sollen wieder glauben, und zwar an einen Gott, der sie liebt und an eine bessere Zukunft. Das sehen die Orthodoxen als starke Konkurrenz.“ Zwar ist die Beziehung nicht in allen Gebieten so verfeindet und wir haben zahlreiche Verteilungen, die auch in orthodoxen Gemeinden stattfinden bzw. bei denen es keinerlei Gegenstimme gibt, doch solche Einzelfälle kommen immer wieder vor. Die Schulleiterin hatte einfach Angst vor ihrem Ruf und dem nächsten Sonntagsbesuch in der Kirche.

Endlich konnten die Kinder zu der Verteilung kommen -
140 erwartungsvolle Schüler durften wir mit euren Schuhkartons beschenken.


Letztendlich konnte unser Partner sie von einem Kompromiss überzeugen: Die Verteilung fand statt, aber nicht in den Räumen der Schule, sondern in einem sehr nahe gelegenen Gemeinderaum. Wir waren so dankbar, als endlich die Mädchen und Jungen durch die Tür kamen und sich mit großen Augen erwartungsvoll auf die Stühle saßen! Déborah sang ihnen den Song „Beautiful, wonderful, powerful“ vor und erinnerte die Kinder daran, wie geliebt sie sind. Und dann kam das große Auspacken – so viele strahlende Gesichter, selbst die Schulleiterin strahlte über das ganze Gesicht: „Es ist so gut, was Sie für diese Kinder tun. Genau das brauchen sie. Danke!“ Was für eine Wendung! Eure Schuhkartons erreichen nicht nur die Herzen der Kinder, sondern sie berühren auch die Herzen von anderen Menschen, die dadurch eine ganz neue Art der Dankbarkeit erfahren.


Die Freude war bei jedem der Kinder so groß und das steckte auch die anfangs so skeptische Schulleiterin an.

Ein Mädchen schämt sich für ihre Armut

Eines der Kinder, die an diesem Tag beschenkt wurden, ist Maria. Sie ist erst 13 Jahre alt , aber hat schon fast vergessen, wie es ist, wenn man sich freut. Überraschend ist das nicht, denn in ihrem Leben gibt es für sie kaum einen Grund zur Freude: Mit vier Geschwistern lebt sie in einem klapprigen Zuhause, was aus Schrottteilen zusammengebastelt ist; ihre Mutter ist depressiv und überträgt ihre melancholische Stimmung auf die Kinder. Der Teenager hat kaum Möglichkeit, sich zu waschen und Hygieneartikel können sie sich nicht leisten. Die anderen Kinder um sie herum, die auch arm aber nicht so arm sind, merken und reichen es. Deswegen hat Maria jedes Mal, wenn sie in die Schule geht, Angst ausgegrenzt und ausgelacht zu werden. Bei der ca. einstündigen Verteilung habe ich Maria kaum lächeln gesehen; während die anderen Schüler mitgesungen und geklatscht haben, saß sie einfach da und starrte traurig in die Luft. 

Während die anderen Kinder voller Vorfreude auf ihren Plätzen herumzappelten,
schaute Maria ganz traurig vor sich hin.

Doch dann kam auch ein Schuhkarton zu Maria und sie schien fast etwas überrascht zu sein. Ein Geschenk für sie? Nur für sie? Als sie das Geschenk nach oben hielt, fiel ihre tiefe Traurigkeit plötzlich ab und sie schenkte uns ein Lächeln! Auch nachdem sie die Geschenke ausgepackt hat, kam dieses Lächeln immer wieder zum Vorschein. Ein Schuhkarton kann vielleicht nicht Marias Mutter heilen oder ein neues Zuhause bauen, aber er zeigt diesem Mädchen, dass sie geliebt ist und dass es Menschen gibt, die an sie glauben. So eine Überzeugung verhilft den Kindern zu einer neuen Hoffnung, zu mehr Lebensfreude – das merken auch die Eltern!
Und was Maria angeht – Sie hat einen wunderbaren Traum, den sie sich gerne erfüllen möchte: „Ich möchte Ärztin werden, um anderen Menschen zu helfen.“

Der Schuhkarton ließ Maria ihre Sorgen für eine Weile vergessen
und schenkte ihr große Freude!


Das waren Eindrücke der ersten beiden Tage unserer Reise – fünf Begegnungen von vielen weiteren, die alle ein Beispiel dafür sind, wie „Weihnachten im Schuhkarton“ in den Herzen der Kinder und in den Herzen aller anderen Beteiligen wirkt. Wie es in Rumänien weiterging und wen wir noch kennenlernen durften, lest ihr im zweiten Teil.





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