Donnerstag, 17. Dezember 2015

Als Bettler von Rumänien nach Schweden

Autorin: Jenifer Girke

Wir sind gerade in Rumänien, um über Verteilungen zu berichten; gestern war der dritte Tag unserer WiSionsreise. Nach zwei Tagen voller Eindrücke von Schuhkarton-Erlebnissen unter denkbar ärmlichsten Verhältnissen dachte ich, mich könne so schnell nichts mehr schocken. Fehlanzeige. Denn gestern habe ich Mihaela und ihre sechs Geschwister kennengelernt: Zurückgelassen und alleine. Ohne Eltern. Ohne Hoffnung.

Verteilungen finden meistens in Kirchengemeinden, Schulen oder sozialen Einrichtungen statt, doch gestern sind wir zu verschiedenen Romafamilien nach Hause gefahren, um dort die Kinder mit einem Geschenk zu überraschen. Schon als man aus dem Auto stieg, ahnte man, dass man gleich in eine Welt eintauchen würde, die sich kaum stärker von unserer unterscheiden könnte, deren Zustände man nicht ändern kann, aber die man zuerst gesehen haben muss, um ihre Ursachen zu verstehen.


Freude und Mitgefühl so nah beieinander: Der 10-jährige Vasilica ist mächtig stolz auf seinen Schuhkarton,
auch wenn er Weihnachten in einer alten Baracke ohne seine Eltern verbringen wird.



Eine Baracke mit sieben überraschenden Gesichtern

Wir traten in ein Haus ein, was mehr eine Baracke war als ein Haus. Überall lagen Kothaufen von herumstreunenden Hunden, Katzen, Kühen und anderen Tieren auf dem Boden. Die Scheiben waren eingeschlagen, die Tür knarrte schon beim leichtesten Luftzug. Langsam trat ich in den Raum herein – sieben erwartungsvolle Gesichter starrten mich an. Zum Glück war gleich die Übersetzerin Daniela an meiner Seite, die mein freundliches „Hallo, wir bringen euch Weihnachtsgeschenke aus Deutschland und Österreich“ für die Anwesenden übersetzte. Etwas verdutzt und immer noch ganz erstarrt löste sich langsam die Anspannung und nach ein paar Sätzen kam mehr und mehr ein Strahlen in den Augen der Kinder zum Vorschein. Die Kinder waren sieben Geschwister: die 19-jährige Haraisa, die ihre ein Monate alte Tochter Bianca im Arm hielt, dann saßen da Lenuta (12 Jahre), Lupu (7 Jahre), Mihaela (eine wahre Naturschönheit und 11 Jahre alt), Vasilica (10 Jahre) und der kleine Dipirica (2 Jahre). Auf die Frage, wo denn die Mutter sei, bekam ich eine Antwort, die nur schwer zu fassen war: Sie sei in Schweden. So auch der Vater. Zunächst hoffte ich, dass die beiden dort eine Arbeit gefunden hätten und die Kinder bald nachkämen, doch dem war nicht so: „Sie sind dort, um auf der Straße zu betteln. Jeden Monat schicken sie uns etwas Geld, wenn sie was übrig haben.“


Vier von den sieben Geschwister, die schon ganz gespannt auf die Schuhkartons warten.


Eine Zukunft ohne Wünsche ist keine Zukunft

Doch eine andere Antwort hat mich fast noch mehr berührt, beziehungsweise eine Nicht-Antwort. Denn kein einziges der Kinder konnte mir die Frage beantworten, was er oder sie später einmal werden wolle. Fünf Minuten lang redete ich mit ihnen darüber, was es denn nicht für tolle Möglichkeiten gäbe, ob Ärztin, Koch oder Frisörin. Doch niemand der sieben Geschwister hatte einen Wunsch für seine Zukunft. Die Erklärung liegt erschreckend nahe, denn die meisten der Kinder haben keine Zukunft, zumindest denken sie das und kennen es in ihrer Kultur nicht anders. Erschreckenderweise werden die meisten Mädchen in Romagemeinschaften verkauft, wenn sie 10 Jahre alt sind, und das für umgerechnet ein paar lächerliche Euros. Danach bekommen viele der Teenager bereits mit 15 Jahren selbst schon das erste Kind. Einige Jungs haben mit 16 Jahren mehrere Ehefrauen. Die Eltern halten die Kinder davon ab, die Schule zu besuchen: „Sie sagen ihnen, dass sie lieber arbeiten sollen und wenn sie keine Arbeit haben, dann sollen sie betteln, stehlen oder schicken die Mädchen sogar in die Prostitution“, erklärt uns unsere rumänische Kollegin Cerasela, die schon viele Jahre bei „Weihnachten im Schuhkarton“ aktiv ist.


Die 12-Jährige Narcisa sieht so glücklich aus, als sie ihren Schuhkarton auspackt. 


Die älteste Schwester erzählte Cerasela, dass sie sich sehr für diese Armut schämt und nicht möchte, dass ich einen schlechten Eindruck von ihr habe. Diese Reaktion zeigt die Hilflosigkeit der betroffenen Kinder, die in ein Gesellschaftssystem gesteckt werden, das ihnen jegliche Perspektive nimmt, aber aus dem sie sich selbst auch nicht befreien können. Letztendlich nimmt ihnen dieses System auch die Eltern, die dann in Schweden, aber auch auf deutschen und österreichischen Straßen, herumbetteln und an die man selbst zu oft unbedacht vorbeiläuft.


Schönheit und Freude trotz Elend und Armut

Eines der Kinder fiel mir sofort auf, denn ihre Naturschönheit steckte an und ließ meinen Blick nicht mehr los. Mihaela ist trotz ihrer Armut ein sehr elegantes und feminines Wesen. Als sie ihren Schuhkarton bekam, packte sie Gegenstand für Gegenstand ganz behutsam aus, merkte sich die Anordnung und packte alle Dinge wieder exakt in derselben Reihenfolge zurück. Sie lächelte und strahlte, als sie all diese Geschenke sah und war sehr dankbar, dass jedes ihrer Geschwister einen Schuhkarton bekam. Neben all den Spielsachen und Kleidungsstücken, erhielt eine Sache ganz besondere Aufmerksamkeit: Süßigkeiten. „So etwas kennen sie nicht, das haben sie noch nie gesehen und Hunger ist das dringendste Bedürfnis von allen, erst wenn der gestillt ist, kann man auch spielen“, erklärt mir Cerasela. Nach einiger Zeit fing Mihaela sogar an, unsere Kamera zu mögen und genoss es sehr, als wir sie ganz alleine mit ihrem Schuhkarton wie ein kleines Model fotografierten.


Mihaela, 11 Jahre alt: Eine wahre Naturschönheit
mit einem ganz besonderen Weihnachtslächeln.

Mit eurem Schuhkarton habt ihr diesem wunderschönen Mädchen
eine Botschaft voller Hoffnung vermittelt:
Du bist wertvoll. Du bist geliebt.


Es geht um diesen einen Moment

Hätten wir keine weiteren Verteilungen mehr besucht, wäre ich wohl den ganzen Tag dort geblieben. So grausam es auch ist, diese Bedürftigkeit und Not zu sehen, umso schöner und wohltuender ist der sichtbare und spürbare Beweis, wie so ein Schuhkarton selbst schreckliche Lebensumstände in den Hintergrund rückt. In diesem Moment waren alle sieben Geschwister glücklich. In diesem Moment dachten sie nicht daran, was sie essen oder anziehen sollen. In diesem Moment war Weihnachten. Und Kinder haben erleben dürfen, dass sie beschenkt werden und geliebt sind. Und diesen Moment möchten wir mit euch teilen, denn das ist die allergrößte Motivation weiter (und mehr) zu packen.

Der 7-jährige Lupu kann es noch gar nicht wirklich glauben, dass der ganze Schuhkarton nur ihm gehört.


Von dem Romadorf ging es gleich weiter zu einer Kindertagesstätte und von dort zu einer weiteren Verteilung in einer Kirchengemeinde. Die letzte Verteilung war schwer zu erreichen, wir alle waren bereits voll mit Eindrücken und sehr erschöpft. Doch als wir über eine Stunde später endlich ankamen, hatte die Verteilung noch nicht begonnen, weil alle auf uns gewartet hatten. Und man kann sich vorstellen, wie schwer es ist, als Kind eine Stunde länger auf Geschenke zu warten… Da stand ein Kinderchor auf der Bühne, es wurde gemeinsam gesungen und über Weihnachten berichtet. Ich selbst durfte Schuhkartons an Kinder und Teenager vergeben und sehen, wie sich ihre Mundwinkel immer weiter nach oben zogen und ihre Augen immer größer wurden, als sie EURE Geschenke in der Hand hielten. Jegliche Müdigkeit war verdrängt, das Herz stand weit auf und ich war wieder einmal überwältigt.


So feste pustet der 7-jährige Lupu seinen neuen Luftballon auf.


So springen die Gefühle von Betroffensein zu Mitfeiern, von Schockstarre zu Freudenschrei, von Fassungslosigkeit zu Dankbarkeit, von Schuhkarton zu Schuhkarton. Ohne eure Päckchen gäbe es diese Geschichten nicht, ohne euer Engagement hätten wir nichts zu berichten. Danke, dass ihr das alles möglich macht!

Wir sind gespannt, was wir noch alles erleben dürfen und werden euch wie immer daran teilhaben lassen (auch über Facebook und Instagram).



1 Kommentar:

  1. Jedes Jahr wieder nehmen wir an dieser Aktion teil - dieses Jahr habe ich es leider nicht geschafft bzw. einfach nicht rechtzeitig dran gedacht. Dafür gibt es dann 2016 zwei Kartons ;)) Es ist eine soo großartige Aktion, für die es sich immer lohnt sich einzusetzen.
    GLG Elisabeth

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