Donnerstag, 5. November 2015

Von der Straße zum Schuhkarton

Jede Mutter weiß, wie groß der Schmerz ist, sein Kind zurücklassen zu müssen. Ramona Lupu kennt diesen Schmerz – um Geld für ein besseres Leben zusammen zu kratzen, schlägt sich die Rumänin Jahre lang als Straßenmusikerin in Hamburg durch. Ihr kleiner Sohn wird von Verwandten zu Verwandten gereicht und wächst in Rumänien ohne seine Mutter auf. Doch dann brachte eine Begegnung mit einem chilenischen Ehepaar die große Wende. Diese Begegnung und die Erinnerung an einen Schuhkarton veränderten Ramonas Leben ...

Ramona (mittig im Foto) entschied sich mit 19 Jahren dazu, aus ihrer Heimat Bâicoi zu fliehen 
- vor Armut und für ein besseres Leben.


Die Heimat verlassen, um das Leben zu finden

Ramona ist gerade einmal 19 Jahre alt, als sie sich dazu entscheidet, ihr kleines rumänisches Dorf namens Băicoi zu verlassen. Ihre Eltern hatten weder Arbeit noch Geld und das Leben in Rumänien wurde immer mühseliger, die Hoffnung auf eine Besserung immer geringer. Die junge Frau hatte Angst, ihren kleinen Sohn Ricardo nicht versorgen zu können, hungern und verarmen zu müssen. Sie wollte ihn nicht unter ähnlich bedrückenden Umständen erziehen, unter denen sie selbst aufgewachsen war. Deswegen machte sich die mutige Frau mit ihrem kleinen Jungen und dem Ehemann Ionel auf den Weg nach Deutschland, genauer gesagt nach Hamburg. Ramona war fest entschlossen, eine Arbeitsstelle zu finden, sich zu integrieren und ein bescheidenes, sicheres Leben für ihre Familie aufzubauen. Doch als sie in der Hansestadt ankam, musste sie feststellen, was viele (sogenannte) Wirtschaftsflüchtlinge voller Ernüchterung erkennen müssen: Es gab keine Arbeit und auch keine Weiterbildung.

Die Perspektivlosigkeit in Rumänien überträgt sich besonders dramatisch auf die Kinder.


Letzter Ausweg: die Straße

Der Traum eines normalen Lebens schien sich immer mehr in Luft aufzulösen. Was tun, wenn man nicht mehr zurück kann, nicht mehr zurück will in Armut, Verzweiflung und Perspektivlosigkeit? Aber wenn man im Hier und Jetzt auch keine Lösung findet? Ramona hatte noch eine letzte Idee: Sie war immer schon sehr musikalisch gewesen. Also schnappte sie sich ein Akkordeon und fing an, Straßenmusik zu machen. Stundenlang, Tag für Tag, bei jedem Wetter spielte sie sich den Frust von der Seele in der Hoffnung, am Ende des Tages genügend Münzen zusammengekratzt zu haben, um dem kleinen Ricardo wenigstens eine warme Mahlzeit kaufen zu können. 

Zunächst versuchten Ionel und Ramona, sich gemeinsam mit ihrem Sohn als Straßenmusiker durchzuschlagen. Doch der Familienmutter wurde schnell bewusst, dass sie diese Umstände ihrem kleinen Sohn auf Dauer nicht zumuten kann, deswegen fasste sie den schweren Entschluss, den kleinen Ricardo mit ihrem Mann zurück nach Rumänien zu schicken. Dort wurde er herumgereicht von der Mutter, zur Schwiegermutter und anderen Verwandten, je nachdem wer gerade Zeit (und etwas zu essen) hatte.

Wenn es zu nass oder zu kalt wurde und Ramona nicht mehr auf Bänken, unter Brücken oder in S-Bahnhöfen übernachten konnte, drängte sie sich mit sechs, sieben anderen Obdachlosen in einen kleines Zimmer einer sozialen Einrichtung.


Endlich hört jemand zu

Eines Tages stoppte ein chilenisches Ehepaar bei der Straßenmusikerin und lauschte ihren Klängen. Veronika Messina und ihr Mann Nelson Ruz hörten die Leidenschaft ebenso wie den Mut der jungen Rumänin. Sie erkannten, mit welch Lebensnotwendigkeit und Überlebensdrang die Musikerin ihr Herz auf die Straße brachte. Die beiden blieben eine Weile stehen und sprachen Ramona nach ein paar Liedern persönlich an. Sie erzählten ihr, dass sie selbst in einer Notsituation nach Deutschland kamen, mit drei Kindern und ohne Obdach. Eine Gemeinde in Norderstedt, unweit von Hamburg entfernt, half ihnen in dieser schweren Zeit. Die Ähnlichkeit ihrer Lebenswege erzeugte ein starkes Mitgefühl und das Ehepaar lud Ramona sofort zu sich ein.

Zu diesem Zeitpunkt verharrte Ramona schon fünf Jahre auf der Straße und hatte die Hoffnung auf einen Lebenswandel – oder ein Wunder – bereits aufgegeben. Fünf Jahre lang liefen die Menschen einfach an ihr vorbei, beachteten sie nicht, interessierten sich nicht für sie, ignorierten ihre Not und ihre Hilfsbedürftigkeit. All die Shopping-Touristen und Promenaden-Spaziergänger, die mit ihren vollgestopften Einkaufstüten und Coffee-to-go-Bechern kopfschüttelnd an ihr vorbeizogen und nicht einmal eine bronzene Münze für die Kämpferin und ihren knurrenden Magen übrig hatten, ließen Ramona daran zweifeln, ob sich ihr Leben jemals wieder zum Guten wenden wird. Und jetzt kommt ein chilenisches Ehepaar auf sie zu, teilt ihre Geschichte und bietet ihr sogar an, sie zu besuchen. Das war doch zu schön, um wahr zu sein...oder?


Das Wagnis, neue Schritte zu gehen

Doch was war die Alternative? Entweder Ramona traut sich, diese Gemeinde in Norderstedt zu besuchen oder sie stellt sich weiterhin auf die Straße. Also machte sie sich auf den Weg zu der Stadt im Süden von Schleswig-Holstein – eine Entscheidung, die sie niemals bereuen würde...

Das chilenische Ehepaar begrüßte Ramona mit offenen Armen, stellte sie vor, als wären sie schon lange befreundet und versprach ihr die Unterstützung, die sie brauchte. Nach kurzer Zeit konnte Ramona ihren geliebten Sohn mit dem Ehemann wieder nach Deutschland holen, sie bekamen eine kleine Wohnung und man half Ramona, eine Arbeitsstelle zu finden. Endlich musste sie nicht mehr darum bangen, ob sie nachts ausgeraubt oder überfallen wird, ob sie in den nächsten zwei Tagen etwas zu Essen haben wird und ob es ihrem Sohn gut geht. Jetzt konnte die kleine Familie endlich aufatmen und ein neues Leben beginnen.

Endlich angekommen: Die drei-köpfige Familie Lupu
mit dem 5-jährigen Sohnemann Ricardo, der Mutter Ramona und dem Familienvater Ilonel.


Ein Schuhkarton verbindet

Als Norderstedt im Mai 2015 ihr jährliches Wiesenstraßenfest feierte, war auch die Sammelstellenleiterin der Stadt mit einem „Weihnachten im Schuhkarton“-Stand vertreten. Ramona sah diese Päckchen, wurde neugierig und fragte nach, was es denn mit diesen Schuhkartons auf sich habe, denn sie kämen der jungen Rumänin so bekannt vor. Als Silke Schermoks die Geschenkaktion erklärte, fiel es Ramona plötzlich wieder ein: Sie hatte selbst einmal so einen Schuhkarton in Rumänien bekommen, als sie acht Jahre alt war und noch in die Schule ging: „Das war so schön für uns – wir bekamen Kleidung, Spielzeug und Schulsachen.“ Dass die 25-Jährige jetzt die Möglichkeit hat, selbst einen Schuhkarton zu packen, bedeutet ihr sehr viel: „Ich weiß, was arm ist. Jetzt möchte ich selbst armen Menschen und besonders Kindern helfen.“ Für Ramona ist auch schon ganz klar, an wen der Schuhkarton gehen soll: „Ich habe einen kleinen Sohn, deswegen packe ich auch den Schuhkarton für einen Jungen. In das Päckchen kommt etwas für die Schule, ein neuer Rucksack und etwas Warmes zum Anziehen.“


"Ich weiß, was arm ist", sagt Ramona. Umso wichtiger ist es für sie, anderen Menschen zu helfen.
Auch ihre Schwiegermutter (siehe Foto) versucht sie, finanziell zu unterstützen.


Musizieren – nicht auf der Straße, sondern für den guten Zweck

Doch Norderstedt kann noch mehr als Päckchen packen: Im Oktober diesen Jahres organisierte Silke Schermoks ein Benefizkonzert für „Weihnachten im Schuhkarton“. Der begnadete Pianist Daniel Rodriguez verzauberte die Zuhörer mit seinen Melodien und der aQuire-Chor aus 75 Sängerinnen und Sängern brachte das Publikum zum Tanzen, Mitschwingen und Feiern. Auch die Söhne des chilenischen Pastors Nelson Ruz stellten ihr musikalisches Talent unter Beweis und versetzten die 200 Konzertbesucher mit ihren Gitarren-Tönen in großes Staunen. Insgesamt wurden 763 Euro gespendet, die alleine für den Transport der Päckchen von „Weihnachten im Schuhkarton“ in ganz Osteuropa eingesetzt werden.

Der acQuire-Chor legte eine überzeugende Inszenierung dar - alles für "Weihnachten im Schuhkarton".

 
Die Söhne des chilenischen Pastors Nelson Ruz begeisterten die Zuhörer 
mit ihrer südamerikanischer Musikkunst


Ein ganz besonderer Ohrenschmaus: Daniel Rodriguez am Klavier.


Ramona, Ionel und Ricardo waren natürlich auch auf dem Konzert; die Rumänin trat sogar auf die Bühne und ließ die Besucher an ihrer Geschichte teilhaben. Danach lauschten sie selbst den musikalischen Kunstwerken – keine Straßenmusik, sondern ein wohltuendes Konzert; keine Abhängigkeit von Almosen, sondern die Freude, etwas für den guten Zweck zu spenden.


Sammelstellenleiterin in Norderstedt und Konzert-Organisatorin Silke Schermoks (links im Bild)
interviewt Ramona Lupu auf der Bühne. Die Rumänin teilt ihre Geschichte mit den 200 Besuchern
und sieht sich als Hoffnungsträgerin.



Nicht alles ist Friede, Freude, Eierkuchen

Ramona kann zwar endlich in Norderstedt aufatmen, aber der Großteil ihrer Familie lebt nach wie vor unter ärmlichsten Verhältnissen in Băicoi. Mit ihrem Job kann sie monatlich einen kleinen Betrag zur Seite legen, um ihre Eltern und Geschwister etwas zu unterstützen. Manchmal hat die Lebenskünstlerin das Gefühl, es sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein, doch sie hört nicht auf, auch für ihre anderen Familienmitglieder zu kämpfen. 

Ein so reich gedeckter Tisch ist nur möglich, wenn Ramona ihre Familie besucht und einkaufen gehen kann.


Die Erinnerung an ihren Schuhkarton war auch eine Erinnerung daran, dass es immer Menschen gibt, die an einen denken und man niemals ganz vergessen ist auf dieser Welt. Ramona weiß: Selbst wenn die Handschuhe zu klein und die Schokoladenriegel aufgegessen sind, die Bedeutung des Schuhkartons bleibt – in Rumänien, in Hamburg, ja sogar mitten auf der Straße.

Mach auch du mit und packe noch bis zum 15. November einen Schuhkarton. Alle Infos findest du hier: https://www.geschenke-der-hoffnung.org/mitmachen/weihnachten-im-schuhkarton/einen-schuhkarton-packen/



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