Mittwoch, 11. November 2015

Ein Stempel im Herzen


Autorin: Jenifer Girke

Martina Čičak ist eine junge, lebensfrohe Frau – sie studiert Maschinenbau in Wien, hat einen großen Freundeskreis und steckt ihre Mitmenschen schnell mit ihrem Enthusiasmus an. So ein starker Charakter und auch der niedliche österreichische Akzent verraten nicht, dass sie eigentlich ein sogenannter „Wirtschaftsflüchtling“ aus Bosnien-Herzegowina ist.

Martina und ihre Freunde an ihrem Geburtstag.


Vor dem Krieg war nicht alles gut, aber die Hoffnung war größer

Martina liebt ihre Heimat, genauso wie ihre Eltern. Beide Elternteile sind Kroaten und im ehemaligen Jugoslawien, dem heutigen Bosnien-Herzegowina, aufgewachsen. Dort, in dem kleinen Ort Kupres, taten sie viel, um sich ein gutes Leben aufzubauen. Martinas Vater ist Bauingenieur – für das Studium ging er nach Kroatien, investierte sein ganzes Geld in die Ausbildung, sodass am Ende nicht einmal etwas für eine Decke zum Schlafen oder Stifte zum Zeichnen übrig blieb. Ohne die notwendigen Arbeitsmaterialien, aber mit genügend Ehrgeiz beendete er das Studium, doch als er nach Bosnien zurückkehrte, musste er feststellen, dass sein Wissen in diesem Land nichts wert war. Er schlug sich als Zeitungsverkäufer durch und lernte Martinas Mutter kennen und schnell auch lieben.


Die Schulklasse von Martinas Mutter. Ein Studium durfte sie nicht absolvieren, denn dieses Privileg blieb nur ihren Brüdern gewährt.


Im Gegensatz zu den Männern verwehrte man den Frauen das Studium – obwohl Martinas Mutter eine sehr intelligente Frau war und sich weiterbilden wollte, sagte man, es sei kein Geld da, um auch noch eine Tochter studieren zu lassen. Denn ähnlich wie bei dem Vater, lebte auch sie mit vielen Geschwistern zusammen, darunter die meisten Brüder. Rebellierend, aber machtlos nahm die Mutter diese Entscheidung hin. Ihren Willen und die Neugier aber behielt sie bei und gab diese Eigenschaften an ihre Tochter weiter: „Ich wollte nicht dasselbe erleben wie meine Eltern. Ich habe immer von etwas Großem geträumt und wollte unbedingt studieren“, sagt Martina entschlossen.


Flucht per Zufall

Martinas Eltern hatten nie vor zu fliehen – im Gegenteil, denn allen wirtschaftlichen Problemen zum Trotz, Kupres blieb ihre Heimat; der Ort von Familie und Geborgenheit. Als Martinas Mutter 1991 ihre Schwester in Linz besuchte, ahnte sie nicht, dass sie ihre Heimat für eine lange Zeit verlassen würde. Denn sobald sie ausgereist war, kamen die ersten Vorboten des Krieges.

Kupres 1994 - mitten im Jugoslawienkrieg


„Als meine Mutter zu Hause anrief, sagten ihr alle, sie solle nicht mehr zurückkommen. Das mache kein Sinn, denn es herrsche bald Krieg“, erzählt Martina. Schweren Herzens entschied sich die Mutter, in Linz zu bleiben – doch nicht ohne ihre neue Liebe.


Krieg oder Liebe?

Es gab nur eine Sache, die Martinas Vater wichtiger war als die Heimat – die Liebe. Für Martinas Mutter ließ er Bosnien zurück, ließ er seine Familie zurück, ließ er den Krieg zurück und seine Landesgrenzen, an denen er sich mit seinen Brüdern gegen die angreifenden Truppen verteidigen wollte. Das Leben in Österreich wartete – so auch seine zukünftige Frau. Die beiden heirateten und ein Jahr später, 1993, kam Martina zur Welt.

Die zerstörte Kirche in Kupres - die zufällige Entscheidung, Kupres zu verlassen, hat der Familie vielleicht das Leben gerettet. 

Obwohl der Vater auch in Österreich nicht als Bauingenieur arbeiten konnte, hatte die Familie ein gutes Leben – in einer kleinen Wohnung, mit genug zu Essen und warmer Kleidung. Doch als der Krieg vorbei war, stand für die Eltern fest: Sie wollen wieder in ihre Heimat zurück. Der Vater plante, mit seinem Bruder eine Firma zu gründen, wirtschaftlich erfolgreich zu sein und seiner Familie endlich das Leben bieten zu können, wofür er seit Beginn an gekämpft hat.


Vom Feriencamp in die Wirtschaftsfalle

Martina war damals 10 Jahre alt und obwohl sie kroatisch erzogen wurde, sprach sie meistens deutsch, hatte deutsche Freunde und war zufrieden in Österreich. Umso erstaunlicher, dass sie sich dennoch auf den Umzug freute: „Bosnien war wie ein Feriencamp für mich. Es gab viel mehr Raum, viel mehr Freiheit.“

Anfangs war es tatsächlich ein Kinderparadies – schneebedeckte Berge im Winter, all die fernen Verwandten in der Nähe, das gute Essen und wohltuende Heimatgefühle. Martina schloss schnell Freundschaften und gewöhnte sich nicht nur an das Leben in Kupres, sondern genoss es in vollen Zügen.

Kupres wurde befreit; nach dem Krieg lebte nur noch ein Bruchteil Kroaten in dem Ort,
aber Martinas Eltern wollten unbedingt wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Doch dieses Hochgefühl war nicht von langer Dauer: „Zuerst war es gut, aber dann wurde es immer schwerer. Wir hatten Monate, in denen es nichts gab. Das Leben lief nicht so, wie sich das mein Vater gewünscht hat, obwohl er immer so sehr dafür kämpfte.“

Der Onkel von Martina starb und so hatte auch die Firma keine Zukunft mehr; die wirtschaftliche Situation wurde immer schlechter, was jeder in dem Land deutlich zu spüren bekam: „Wir Kinder haben vielleicht nicht immer alles gesehen und man hat uns nicht alles erzählt, aber wir haben das gespürt.“


Unverhofft kommt oft...ein Schuhkarton

Nichtsahnend ging Martina eines Tages in dieser schweren Zeit in die Schule, mit ihrer kleinen Schwester, so wie jeden Tag. Sie erinnert sich noch, dass an diesem Tag extrem viel Schnee lag und das Dorf mit einer weißen dicken Decke überzogen war. Nach dem Unterricht wurden die Schüler in eine Sporthalle gebracht. „Wir wussten nicht, was passiert. Wir hatten keine Ahnung.“ Doch die Fragezeichen in den Augen der Mädchen wandelten sich schnell in strahlendes Leuchten: „Weihnachten im Schuhkarton“ verteilte Päckchen an die ganze Schule.

Inmitten von Unsicherheiten, gescheiterten Plänen, schlechter Wirtschaft und alltäglichen Entbehrungen erhielten die beiden Mädchen dieses wunderbare Hoffnungspaket. „Ich habe einen Schal bekommen, eine Mütze, Handschuhe und ein Kuscheltier. Ich weiß sogar noch, dass der Schuhkarton in grünem Geschenkpapier eingewickelt war und auf ihm klebten Sticker. Dieses Geschenk ist wie ein Stempel in meinem Herzen verankert“, erinnert sich Martina lächelnd, als ob sie in diesem Moment noch einmal den Schuhkarton vor sich sieht.


Die Heimat verlassen, um eine Zukunft zu haben

Als Martina ihren Schulabschluss in der Tasche hatte, war sie sich sicher, dass sie studieren wollte, aber das bedeutete: wieder raus aus Bosnien, wieder weg von der Heimat, wieder nach Österreich: „Natürlich würde ich lieber in meinem eigenen Land studieren, wenn es normale Bedingungen zum Leben gäbe. Aber ich weiß, dass ich mit meinem Studium in Bosnien nichts anfangen kann. So geht es den meisten aus diesem Land – selbst wenn du gute Noten und einen Studienabschluss hast, kannst du froh sein, wenn du überhaupt eine Stelle bekommst, zum Beispiel als Kellner oder Saisonarbeiter.“

Martina hat alles zurückgelassen -
auch eine ihrer besten Freundinnen, Irena, die sie schon seit ihrer Kindheit kennt.


So ging die junge Studentin 2012 mit 19 Jahren alleine zurück nach Österreich und fing an, in Wien Maschinenbau zu studieren: „Ich wohne in einem Studentenheim und es gefällt mir sehr.“ Ob sie ihre Heimat vermisst? „Ja sicher, jeden Tag“, schießt es aus ihr heraus, die Stimme gedämpft, fast zittrig.

Was Martina nach dem Studium macht, weiß sie noch nicht. Sie würde gerne in der Entwicklung arbeiten, sich für Fortschritt und Forschung einsetzen. Doch egal, was sie genau machen wird, eines will sie nicht: dieselbe Erfahrung wie ihre Eltern machen. Sie möchte, dass ihre Leistungen anerkannt werden, dass sie einen angemessenen Beruf ausüben kann und sich durch ihr Engagement viele Türen öffnen werden.


Ein Facebook-Post machte es möglich

Vor einigen Wochen poppte auf Martinas Bildschirm eine Meldung auf: Eine Freundin von ihr hatte auf Facebook etwas mit Schuhkartons gelikt. Erst durch diesen Hinweis wurde die junge Kroatin auf „Weihnachten im Schuhkarton“ aufmerksam. Martina musste sich sofort an ihren eigenen Schuhkarton erinnern; endlich wusste sie, woher dieses besondere Geschenk stammte: „Ich wusste nicht, dass es diese Aktion überhaupt gibt und dass man, dass sogar ich, mitmachen kann.“

Kreatives Gewusel: Martina veranstaltete eine Packparty mit ihren Freundinnen im Studentenheim.


Voller Elan rief sie in ihrem Studentenheim auf, gemeinsam zu packen und mobilisierte ihren gesamten Freundeskreis – heraus kam eine lustige, gesellige und höchst produktive Packparty. „Viele von meinen Freunden kommen auch aus Bosnien oder Rumänien und haben ebenfalls schon mal einen Schuhkarton erhalten. Eine meiner Freundinnen fragte uns, wer sich wohl mehr freut – der Packer oder das Kind. Aber ich glaube, dass sich das Kind  viel mehr freut. Man selbst vergisst vielleicht irgendwann, was man in den Schuhkarton hineingelegt hat, aber das Kind vergisst es nicht, egal was es bekommt.“

So hat auch Martina niemals vergessen, was für ein besonderes Geschenk ihr an diesem Weihnachten gemacht wurde. Es bleibt immer in ihrem Herzen. Wie ein Stempel.




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