Montag, 16. November 2015

"Bleibe ich oder gehe ich?“


Autorin: Jenifer Girke

Maria Piciu ist Rumänin und hat 19 Jahre lang in dem kleinen Ort Cluj-Napoca gewohnt. Dort hat sie die deutsche Schule besucht, beherrscht die deutsche Sprache also perfekt; außerdem spricht sie Französisch und etwas Spanisch. Sie studiert im dritten Semester Jura, aber nicht etwa in Rumänien, sondern in Österreich. Es war von Anfang an klar, dass sie nicht in Rumänien bleiben kann und genau so klar ist es, dass sie nicht wieder zurückgeht. Als Flüchtling will sie sich nicht bezeichnen: „Flüchtlinge müssen fliehen. Ich aber hatte eine Wahl: Bleibe ich oder gehe ich. Ich bin gegangen – für ein besseres Leben.“


„Meine Eltern haben nur gearbeitet“

Marias Eltern haben ebenfalls Jura studiert, doch das bedeutet in Rumänien leider nicht, dass man dementsprechend gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat: „Es zählt nicht so viel, was du studiert hast, sondern wen du kennst und welche Beziehungen du hast“, erklärt mir die 20-Jährige. So mussten die Eltern viel arbeiten, um die Familie überhaupt ernähren zu können. Unter der Woche wohnte Maria bei ihren Großeltern, denn da gab es immer etwas zu Essen und sie hatten Zeit, sich um das Mädchen zu kümmern. Nur am Wochenende sah sie ihre Eltern: „Als wir klein waren, hatten wir nicht viel. Unsere Eltern haben sich sehr darum bemüht, uns ein besseres Leben zu bieten.“

Hier ist Maria 12 Jahre zur Schule gegangen - sie spricht Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch.


Ein Schuhkarton genau im richtigen Moment

Als Maria im letzten Jahr des Kindergartens war, wurde sie mit einem ganz besonderen Geschenk überrascht: „Nach einer kleinen Weihnachtsfeier hat die Lehrerin jeden von uns mit Namen aufgerufen und wir haben alle einen Schuhkarton bekommen. In meinem war sogar ein kleines Häschen – das war rosa und ganz flauschig.“

Die Familie von Maria hat sich immer gut um sie gekümmert, deswegen hat sie auch heute noch eine innige Beziehung zu ihren Eltern. Aber Entbehrungen und schwierige Umstände bedrücken auch Kinder in intakten Familien – so konnte Maria in einer Zeit,  in der ihre Eltern nicht oft Zeit hatten, durch diesen Schuhkarton erfahren, dass sie niemals vergessen ist, sondern dass immer jemand an sie denkt, dass es Menschen gibt, die sie lieben – in Rumänien, in Österreich, in Deutschland und weltweit. Die beigelegten Geschenke waren von unermesslichen Wert – selbst wenn Maria Zahnbürsten schon kannte, war dieser Schuhkarton ein Zeichen einer viel bedeutsameren Wertschätzung: „Das war ganz besonders, denn es war eine richtige Überraschung. Ich wusste einfach nicht, was in dem Päckchen drin ist und es waren alles Sachen, die es gar nicht in Rumänien gibt. In Rumänien habe ich noch nie so schöne Sachen gesehen. Es war traumhaft!“


Die Lage in Rumänien wird „schlimmer und schlimmer“

Besonders nach 2000, so erinnert sich Maria, sei die Situation in Rumänien „schlimmer und schlimmer“ geworden – Korruption, egoistische Politiker und fehlende Loyalität gegenüber der Bevölkerung verbreiteten eine unangenehme Atmosphäre im Land: „Zuerst sagen sie, sie seien liberal, aber wenn nächste Woche etwas anderes vorteilhafter ist, dann gehören sie plötzlich einer anderen Partei an.“

Cluj-Napoca, Marias Herkunfsort in Rumänien: Trotz seiner idyllischen Stadtszenerie musste Maria weg von hier, weil sie Korruption und falsche Machenschaften nicht weiter ertragen wollte. 

Deswegen war es für die damals 19-jährige Abiturientin keine schwere Entscheidung, für das Studium auszuwandern. Anders als ihre Freundin Martina, die aus Bosnien-Herzegowina zum Studium nach Wien zog, weiß Maria jetzt schon: Zurückkehren wird sie nicht: „Ich werde sehr traurig, wenn ich sehe, dass die Sachen dort nicht funktionieren, weil Menschen Dinge tun, die nicht richtig sind – so wie Korruption oder andere Meinungen nicht respektieren. Ich möchte einfach nicht in so einer Umgebung leben und mit solchen Menschen zusammenarbeiten.“

Auch den Umgang mit den Roma und Sinti in Rumänien empfindet die junge Jurastudentin als extrem schwierig, denn weder die Gesellschaft noch die Romafamilien möchten aufeinander zugehen: „Manchmal habe mich sogar gefragt, warum sie kein eigenes Land oder eine Region haben; einfach ein Ort, an dem sie gemeinsam leben können. Denn mit dem Rest der Gesellschaft zusammen scheint es nicht zu klappen; man macht sich gegenseitig das Leben schwer.“


„Ich bin gegangen – für ein besseres Leben“

Anstatt vor der Situation zu kapitulieren und wie die meisten anderen mitzulaufen, setzt Maria ein Zeichen – sie packt ihren Koffer und bewirbt sich an einer Wiener Universität, und zwar mit Erfolg. Hier beginnt sie vor einem Jahr ihr Jurastudium und fühlt sich sichtlich wohl in der Stadt; vielseitig, international, multikulti – das ist genau ihr Ding: „Wenn du in Rumänien lebst, wird dir beigebracht: So und so ist es richtig, so wird es gemacht. Aber hier in Wien wird dir gezeigt: Ok, vielleicht habe ich gar nicht immer recht. Ich kann auch etwas von anderen lernen und schaue mir an, wie sie es machen. Es gibt keine absolute Sichtweise und jeder wird respektiert.“

Maria und ihre Eltern an ihrem ersten Tag in Wien.


So zu sein, wie man ist; Fehler machen dürfen und daraus lernen; seinen eigenen Weg finden, wenn auch über Umwege – das sind Schritte, die alle jungen Menschen in ihrer Entwicklung des Erwachsenwerdens gehen können sollten. In Rumänien hätte Maria diese Schritte nicht gehen können, deswegen ist sie gegangen – nicht geflohen, denn „ich hatte eine Wahl: Bleibe ich oder gehe ich. Ich bin gegangen – für ein besseres Leben.“


„Hier ist alles so ordentlich“

Doch es gibt auch etwas, was wir Österreicher und Deutschen von der rumänischen Kultur lernen können – Verbindungen schaffen, Freundschaften pflegen, Ordnung nicht über Gefühle setzen.

Zunächst musste ich schmunzeln, als mir Maria ausführlich beschrieb, wie viel ordentlicher es in Österreich sei und dass die Menschen um einiges pünktlicher sind. Anfangs zweifelte ich, ob das ein Kompliment, eine Feststellung oder eher Kritik sei. Doch Maria klärte es schnell auf: „Doch ich mag das viel mehr. Ich denke, dass die Leute hier ihre Arbeit gut und gewissenhaft machen und dadurch funktioniert es sehr gut. Auf der anderen Seite glaube ich aber, dass Menschen hier nicht so enge Verbindungen schaffen.“

Maria hat sich in Wien ein neues Leben aufgebaut und findet ihren Weg 
zwischen Österreichischer Ordentlichkeit und rumänischer Warmherzigkeit.


In Rumänien wächst man mit grundsätzlich verschiedenen Werten auf – wenn materieller Wohlstand nicht vorhanden ist, um ein Gefühl von Sicherheit zu generieren, sucht sich der Mensch andere Faktoren, damit diese Bedürfnisse gestillt werden: „In Rumänien haben wir gelernt, dass man gute Freunde hat, denen man vertrauen kann. Die Menschen sprechen miteinander, sind immer hilfsbereit. Hier in Österreich ist es zwar auch so – mir wurde hier viel geholfen – aber sie sind distanzierter.“

Und schnell wird einem bewusst, welche großen Widersprüche zwischen Gesellschaft und Familie, zwischen Privatperson und offiziellem Entscheidungsträger liegen müssen: Einerseits zeichnen sich rumänische Familien durch starke Bindungen und Loyalität aus, andererseits verirren sich Politiker in korruptionsgeleitendem Egoismus.


„Alles, was du gibst, kommt zu dir zurück“

In diesem Jahr kam die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ zurück in Marias Leben, und zwar durch eine Freundin aus ihrem Studentinnenheim: Martina, deren Geschichte ihr auch auf unserem Blog lesen könnt: http://bit.ly/blog_martinacicak.

Gemeinsam mit ihren Freundinnen veranstalteten Maria und Martina eine große Packparty.

Maria fiel es sofort wieder ein: Sie ist auch eines dieser beschenkten Kinder! Natürlich wollte sie sofort loslegen und möglichst viele Päckchenpacker motivieren. Die Packparty im Studentinnenheim war ein sehr emotionales Erlebnis für die 20-Jährige: „Ich musste mich dabei an den Spruch erinnern: ‚Alles, was du gibst, kommt zu dir zurück’. Damals habe ich mich so sehr gefreut und jetzt habe ich die Chance, dieselbe Freude einem anderen Kind zu machen.“

Maria ist sich sicher, dass diese Päckchen den Kindern genau das Gefühl vermitteln, was sie selbst mit sechs Jahren erleben durfte: „Du bist nicht allein. Egal wie viel Zeit oder wie viel Geld deine Familie hat, es gibt immer jemanden, der an dich denkt und sich um dich kümmert.“




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