Freitag, 23. Oktober 2015

Was bringt das alles?

Autorin: Jenifer Girke


Immer wieder werden wir gefragt: Was bringt diese Aktion eigentlich? 



Schuhkartons packen kann jeder – es ist einfach und wirkungsvoll. Doch das heißt nicht, dass man damit keine Arbeit hat:

Du zerbrichst dir den Kopf darüber, was ein Kind, das du noch nie gesehen hast und von dem du weder das genaue Alter noch die Vorlieben kennst, sich zu Weihnachten wünscht.

Du durchsuchst Regale nach der lilasten Zahnpasta, dem flauschigsten Kuschelbären, den coolsten Legofiguren, der leckersten Schokolade und den schönsten Stiften.

Du bemühst dich, all diese Dinge korrekt verpackt so platzsparend wie möglich in einen Schuhkarton zu packen und hoffst, alles richtig gemacht zu haben.

Du suchst verzweifelt nach einem nahen Abgabeort und nimmst den Weg auf dich, um dein Päckchen fristgerecht bis zum 15. November abzugeben.

Und dann? Du weißt nicht, an welchem Tag das Päckchen ankommt, du weißt nicht einmal, wohin es genau geht und zuschauen, wie es ausgepackt wird, kannst du auch nicht.

Das hört sich ja schon alles etwas fragwürdig an... Optimismus verbreitet an dieser Stelle eine Frau, die diese Aktion besser kennt als die meisten unserer Mitarbeiter zusammen: „Ich würde nichts von dieser Aktion halten, wenn wir einfach hinkommen und sagen ‚Hier habt ihr mal‘ und dann wieder gehen.“ Diana Molnár, Projektleiterin von „Weihnachten im Schuhkarton“ ist schon seit 15 Jahren dabei und hat genug gesehen, um eines über den Schuhkarton sicher sagen zu können: „kleine Kiste, große Wirkung“. Aber lest selbst...


Krieg zerstört Familien

„Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“ Das, was John F. Kennedy da beschreibt, hat Alex Nsengimana schon selbst in seinem Leben erlebt. Als er fünf Jahre alt war, bricht in Ruanda der Bürgerkrieg aus. Die Szenen, die sich in Alex Dorf abspielten, glichen einem Schlachtfeld. Als Bürgersoldaten, die zuvor noch „freundliche Nachbarn“ waren, in das Haus seiner Familie stürmten, schickten sie die Kinder weg: „Dann haben wir durch das Fenster zugesehen, wie sie unsere Großmutter gefoltert haben, bis sie tot war.“

Im Kigali Genozid Memorial Center sieht Alex all die Namen und Fotos der Menschen,
die 1994 im Zuge des furchtbaren Völkermords in Ruanda ermordet wurden.

 Das Leben von Alex und seinem Bruder war auf einen (Bomben-)Schlag zerstört. Zuerst kümmerte sich ihre Tante um die Jungs, doch auch sie starb kurze Zeit später und brachte ihre Neffen kurz vor ihrem Tod in ein Kinderheim.


Hoffnung zum Greifen nahe

Alex war verzweifelt. Er war wütend. Traumatisiert. Überfordert mit seiner Gegenwart. Erschüttert von der Vergangenheit. Ängstlich vor der Zukunft. Doch dann kam „Operation Christmas Child“ zu dem Waisenhaus, der internationale Ableger von „Weihnachten im Schuhkarton“ und verteilte Päckchen. Genau solche Päckchen, wie ihr sie jedes Jahr packt: „Wir bekamen etwas, das nur uns gehörte, mit dem wir spielen konnten und das uns davon ablenkte, was im Krieg passiert war.“

Habt ihr das gelesen? Ein Schuhkarton, der einem traumatisierten Kind hilft, den Krieg zu verarbeiten. Kaum zu glauben, oder? Aber es geht noch weiter...


Nachdem Alex seine Großmutter, seinen Onkel
und seine Tante verloren hatte, lebte er im Waisenhaus.



Alex glaubte und es geschah

Der Schuhkarton war mehr als eine Ablenkung: „Dieser Schuhkarton war der Beginn meines Glaubens. Ich habe angefangen zu verstehen, dass uns die Welt nicht vergessen hat.“ Es gab nicht viel, wofür Alex je in seinem Leben gebetet hätte, aber mit diesem Schuhkarton wurde eine Hoffnung in ihm laut, die ihn an einem einzigen Wunsch festhalten ließ: raus aus Ruanda. Für ein neues, friedliches Leben.

Einige Jahre später wurde Alex von einer amerikanischen Familie in Minnesota adoptiert. Nun hat er eine fürsorgliche Mutter, ein zu Hause, warme Kleidung und ein eigenes Zimmer. Sein sehnlichster Wunsch wurde ihm erfüllt. Fast.

Während der Chorreise durch die USA im Jahr 1999 verbrachten Alex (2.v.l.) und sein Freund Alphonse drei Tage bei einer Familie in Minnesota. Vier Jahre später übernahm diese Familie die Kosten der Ausbildung der Jungs und holte sie nach Amerika.



Frieden durch Vergebung

Um wirklich Frieden mit seinem Leben zu schließen, musste Alex Frieden mit den Menschen schließen, die dieses Leben zerstören wollten. Und das führte ihn direkt in das Nyarugenge Gefängnis in Ruanda.

Alex traf den Mörder seiner Familie, er saß ihm direkt gegenüber und sah in Augen, die ihn vor Jahren hasserfüllt angestarrt hatten. Er fasste eine Hand an, die seinen Onkel gefoltert und zu Tode geprügelt hat. Er sprach in das Gesicht, das den letzten Atemzug seiner Großmutter hörte. Doch das, was Alex im Sinn hatte, hatte nichts mit Vergeltung zu tun. Er hegte keine Rachegedanken. Er wollte nur eines sagen: Ich habe Dir vergeben!

Alex traf den Mörder seiner Familie im Nyarugenge Gefängnis in Ruanda,
um ihm zu sagen, dass ihm vergeben ist.


Die Botschaft ist dieselbe

Die Geschichte von Alex ist etwas ganz Besonderes und uns ist bewusst, dass nicht jedes Kind durch einen Schuhkarton ein neues Bilderbuch-Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erhält. Dennoch: Wir sehen es als ein großes Privileg, dass wir Zeugen dafür werden dürfen, wie eure Päckchen eine Reihe an Geschehnissen anstoßen, die tatsächlich Leben zum Positiven verändern.

Die Päckchen, die hier im deutschsprachigen Raum gepackt werden, erreichen Kinder in Osteuropa, die unter erbärmlichen Verhältnissen leben. Nicht nur Krieg zerstört Leben – Armut, Gewalt, Verlassensein und Hoffnungslosigkeit haben eine starke Sogwirkung und können die Psyche eines Menschen bis in Depressionen und Selbstmordgedanken treiben. Wie stark leiden wohl Kinder darunter, wenn ihre Eltern keinen Sinn mehr im Leben sehen?

Genau in diese Mutlosigkeit tritt „Weihnachten im Schuhkarton“. Durch die Verteilungen lernen die Kinder eine neue Umgebung kennen. Es werden Beziehungen zu Schulen, Organisationen und Kirchengemeinden aufgebaut, Freundschaften und soziale Kontakte entstehen und Kinder erhalten  eine Möglichkeit, aus ihrem tristen Alltag auszubrechen.

Alex kehrte zu seinem damaligen Waisenhaus zurück und verteilte selbst Schuhkartons.

Jeder Schuhkarton ist verschieden, doch trotzdem tragen alle dieselbe Botschaft in sich. Ob das Kind in Rumänien, der Mongolei oder in Ruanda lebt – sie alle werden etwas erkennen, was auch Alex erkannte: „Es zeigte mir, dass jemand da draußen an uns gedacht hat und sich um uns sorgt.“


Es geht nicht um uns

Schaut euch doch nochmal den Anfang diesen Textes an: Da steht ganz schön oft „Du“. Vielleicht geht es aber gar nicht so sehr um dich bzw. um uns. Die Bedeutung von „Weihnachten im Schuhkarton“ versteht man erst dann, wenn man weniger auf sich selbst achtet und mehr darauf, was bei den Kindern passiert. Wir können euch zwar nicht sagen, wie das Kind heißt, das euren Schuhkarton erhält und wir wissen auch nicht, ob lila wirklich seine Lieblingsfarbe ist. Aber wir können euch sagen: Das ist gar nicht so wichtig. Und: Wir erleben immer wieder, dass einSchuhkarton genau die Herzenswünsche eines Kindes erfüllt.

Viel wichtiger ist, dass ihr überhaupt packt. Denn so wird ein zu Weihnachten Kind erfahren, dass es nicht alleine ist, dass es wertvoll ist. Und sollte nicht jedes Kind genau das erfahren dürfen: Liebe?

Heute ist Alex glücklich. Ohne den Schuhkarton wäre er es vielleicht nicht.


Schau dir Alex Geschichte als Video an:





Na, juckt es euch auch schon in den Fingern? Hier geht es zum Schuhkarton-Packen: https://www.geschenke-der-hoffnung.org/mitmachen/weihnachten-im-schuhkarton/einen-schuhkarton-packen/

PS: Auch in diesem Jahr werden viele Schuhkartons in akute Krisenregionen gehen, z. B. in die von kriegerischen Auseinandersetzungen gebeutelte Ukraine. Unser Ziel: Rund 140.000 Weihnachtsgeschenke für Kinder in der Ukraine!



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