Freitag, 16. Oktober 2015

Im Krieg Schuhkartons verteilen: Nicht einfach, aber möglich!

Autorin: Jenifer Girke

Seit zwei Wochen läuft die 20. Saison von „Weihnachten im Schuhkarton“. Jeder von euch hat eine andere Motivation, warum er oder sie mitmacht – Kindern eine Freude zu bereiten, ist sicher eine davon. Es ist nur schwer vorzustellen, unter welch bedrückenden Umständen Kinder in unseren Empfängerländer ihren Alltag bestreiten – Verzweiflung, Armut und Hoffnungslosigkeit, die wir in Deutschland oder Österreich nicht kennen. In den palästinensischen Gebieten wurden sogar Päckchen verteilt, als Krieg herrschte. Genauer gesagt, die Zweite Intifada im Jahr 2000, die als gewaltsamer Aufstand der Palästinenser gegen Israel in die Geschichte einging. Vor fast genau 15 Jahren, am 01. Oktober 2000, erschoss die israelische Polizei im Norden Israels 13 muslimische unbewaffnete Demonstranten, darunter zwölf Israelis. Auch Johnny Shahwan war zu dieser Zeit in Israel. Er hat aber nicht gekämpft. Er hat verteilt, und zwar eure Päckchen.

Johnny mit seiner Frau Marlene:
Auch heute leben sie noch in Bethlehem und ermutigen die Menschen, nicht aufzugeben.


„Im Krieg baut man kein Haus“

Johnny Shahwan ist in der Provinz Bethlehem geboren und hat dort das Gymnasium besucht, auf dem er fließend Deutsch lernte. Nach seinem Abitur bestritt er für sechs Jahre seinen Lebensunterhalt als Schmuckverkäufer, bis er eine Reise nach Kanada antrat, die sein Leben veränderte. Dort entdeckte er für sich den christlichen Glauben und machte auf dem Rückweg einen Abstecher nach Deutschland, wo er auf einer bekannten christlichen Veranstaltung, der Allianzgebetswoche, seine heutige Frau kennenlernte. Es folgten ruhige Jahre in Sicherheit, Johnny wandte sich von dem aufständischen Israel ab und kehrte mit seiner Auswanderung nach Deutschland in ein Land ein, das ihm wirtschaftliche Sicherheit und zufriedenstellende Lebensumstände bot. Doch das war ihm nicht genug. Auch, wenn sein Schutzbedürfnis gestillt war, sein Herz wollte mehr – mehr helfen, mehr schenken, mehr bewirken. Im Jahr 1992 entschlossen sich Johnny und seine Frau dazu, aus ihrer religiösen Motivation heraus zurück nach Bethlehem zu kehren, um soziale Arbeit zu leisten. Als sie in Johnnys Heimat ankamen, ging gerade die Erste Intifada zu Ende, die Bevölkerung hatte also bereits sechs Jahre Krieg durchleben müssen: „Die Menschen waren am Ende ihrer Kräfte und viele fragten mich: ‚Warum in aller Welt bist du zurückgekommen? Du warst sicher in Deutschland und jetzt bist du freiwillig wieder hier?‘  Das konnten die Leute nicht verstehen.“ 

Familie Shawan im Juli 1992 - in demselben Jahr entschieden sie sich dazu, 
trotz Kriegszustände zurück nach Israel zu gehen.


Genau diesen Menschen hat Johnny von seinem Glauben erzählt, er wollte in die Trauer und Verzweiflung dieser Menschen hineintreten und ihnen eine neue Perspektive aufzeigen. In ihrem kleinen Wohnzimmer bot er mit seiner Frau einen Hausbibelkreis an, später eine Kinderstunde und es kamen immer mehr Menschen hinzu. 1996 mietete das Ehepaar ein paar Räume an und eröffnete eine christliche Teestube. Kurze Zeit später errichteten sie ein ganzes Zentrum und bauten ein neues Haus: „Links wurde gebombt, rechts bauten wir ein Haus. ‚Im Krieg baut man doch nicht‘, sagte ein Freund von mir“ – Doch Johnny wollte bauen, er wollte Hoffnung aufbauen, obwohl es anscheinend keinen Grund zur Hoffnung mehr gab; er wollte Schutz schenken, obwohl jeder um sein Leben bangte und er wollte unbeschwertes Kinderlachen retten, obwohl unzählige Mädchen und Jungen dem Krieg und dessen Grausamkeiten hilflos ausgeliefert waren.

2003 befand sich das Zentrum Beit al Liqa mitten im Bau und die Stadt mitten im Krieg.

Zuerst kamen die Bomben, dann kamen die Schuhkartons

Der Leiter der Bibelschule in Bethlehem erhielt bereits seit 1996 Päckchen von „Weihnachten im Schuhkarton“ und fragte Johnny, ob er ihm bei der Verteilung helfen würde. Natürlich wollte er, aber nicht nur das: Im Oktober 2000 fing Johnny wieder an zu bauen, doch dieses Mal kein Haus, sondern einen Spielplatz. Kurz bevor die Zweite Intifada ausbrach, errichtete Johnny den ersten öffentlichen Spielplatz in Bethlehem: „Nach nur drei Monaten war der Rasen schon ganz kaputt, weil jedes Kind dorthin kam, um zu spielen.“ Als die Bomben wieder einschlugen, blieb der Spielplatz leer.
Fast leer: Es war zwar nicht ganz einfach, die Schuhkartons im Krieg zu verteilen, da es immer wieder Ausgangssperren gab, wenn die Bomben fielen. Aber jedes Mal, wenn diese Ausgangssperren kurz aufgehoben wurden, trommelten Johnny und sein Team ein paar Kinder auf dem Spielplatz zusammen, verteilten Päckchen und brachten die Jungs und Mädchen schnell wieder zurück, bevor die nächste Welle losging. Johnny besuchte auch viele Familien zu Hause oder dort, was von ihrem zu Hause übrig geblieben war. Er traf Familien ohne Strom und Wasser, weil die Leitungen zerstört waren; er sah Kinder, die angsterfüllt unter dem Bett kauerten; er brachte verängstigte Familien in sichere Schutzbunker, wenn die Bomben wieder einschlugen und tröstete Zurückgebliebene, die ihre Angehörigen in den Trümmern verloren hatten: „Raketen schlugen – Kinder schrien, Frauen schrien, Männer schrien“, erzählt Johnny mit glasigen Augen, als hätte er erst gestern vor diesen Trümmern gestanden. 

Kinder, die unbeschwert im Garten von Johnnys Zentrum herumtrollen und spielen -
in Bethlehem ist das keine Selbstverständlich nicht. Damals nicht und heute nicht.

 „Ob im Krieg oder im Wohlstand: Ein Kind hat Freude an einem Geschenk.“ Daran hat Johnny nicht nur geglaubt, sondern das hat er jedes Mal in den Augen der Kinder gesehen, wenn er einen Schuhkarton überreicht hat. "Kriegskinder" kennen nur Panzer, Waffen und Raketen, doch mit den Schuhkartons sollten sie mehr kennenlernen: schöne und friedliche Dinge, die ihnen erlauben, Kind zu sein und ihr Kindsein zu genießen. „Es war für mich eine großartige Sache zu sehen, dass ich mit diesen kleinen Geschenken den Kindern eine Freude machen durfte“, berichtet der mutige Friedensvermittler.

Was geschah nach dem Krieg?

Auch heute hat Johnny jeden Tag Kontakt zu den Jugendlichen und Heranwachsenden, denen er früher mitten im Krieg einen Schuhkarton übergeben hat, als sie noch kleine Jungs und Mädchen waren. Sie sind froh, am Leben zu sein, doch verzweifelt sind sie dennoch: „Diese jungen Erwachsene fragen mich immer wieder: ‚Johnny, wieso sollen wir denn hier bleiben? Auf was sollen wir warten?‘ Viele Menschen sehen kaum noch eine Zukunft für sich in diesem Land. Die meisten wandern aus, viele studieren sogar in Deutschland. Es ist traurig, dass in Jesu Heimat, in der früher 100 Prozent Christen lebten, heute nur noch unter ein Prozent Christen sind.“ Je mehr Verzweiflung Johnny hört, desto stärker ist sein Ruf, in dieser Region zu bleiben und das, was der Krieg in den Herzen der Menschen kaputt gemacht hat, wieder herzustellen: Hoffnung, Frieden und ein Gefühl von Zugehörigkeit. Jeder Schuhkarton ist ein Zeichen, dass doch an diese Menschen gedacht wird und sie nicht vergessen sind. Wenn sie sehen, wie Kinder ihre liebevoll gepackten Geschenke bestaunen, fühlen sie, dass es da draußen eine Welt gibt, die zu ihnen spricht, die sie dort abholt, wo sie sind, in ihrem Land, in ihrer Heimat, in den palästinensischen Gebieten, in Bethlehem.

Johnny bietet Jungs und Mädchen sogar Sommercamps an - hier können sie den schweren Alltag vergessen und einfach nur das sein, was sie sind, aber oft nicht sein dürfen: Kinder.


„Weihnachten im Schuhkarton“ macht keine Unterschiede

Schuhkartons machen keinen Unterschied in der Religion, auch in Johnnys Zentrum wird kein Unterschied gemacht: „Wir sind ja nicht nur für die christliche Bevölkerung offen, sondern für jeden Menschen. Zu uns kommen auch viele Muslime und Kinder aus allen Gesellschaftsschichten.“  Johnny lernt muslimische Kinder kennen, die mit Angst und Schrecken zusehen müssen, wie ihr Glaube radikalisiert und missbraucht wird. Er lernt auch christliche Kinder und Familien kennen, die sich oft vergessen in ihrem Land fühlen, einen Weg suchen, ihren Glauben weiterhin frei ausleben zu können und zu oft unterdrückt und verurteilt werden.
Egal, welcher Religion man angehört: Jede Familie und jedes Kind sehnt sich nach einem friedlichen Leben. Ein Kind – egal, ob es abends in der Bibel liest oder morgens seine Burka anzieht – möchte Freude empfinden, ein Geschenk erhalten, einen Teddybären zum Kuscheln haben, seiner Mama stolz zurufen „Guck mal, Mama, was ich bekommen habe!“ und unbeschwert sein Leben genießen, ohne Angst zu haben, von Missbrauch, Gewalt oder Religionshass überwältigt zu werden.

So sieht das Zentrum heute aus. Der Name ist Programm: Beit al Liqa bedeutet nämlich "Haus der Begegnung".


Und was macht Johnny?

Das Zentrum, das Johnny aufgebaut hat, gibt es heute noch; es steht in der Stadt Beit Jala, in unmittelbarer Nähe zu Bethlehem und heißt Beit Al Liqa, was übersetzt „Haus der Begegnung“ bedeutet. Genau das tut es auch: Kinder begegnen anderen Kindern und finden Freundschaft; Familien begegnen anderen Familien und finden Gemeinsamkeit; Verzweiflung begegnet Hoffnung und bringt Zuversicht.  Es ist in fast 20 Jahren zu einem vertrauten Ort der Zuflucht und der Geborgenheit geworden. Unser Verein Geschenke der Hoffnung, der im deutschsprachigen Raum für „Weihnachten im Schuhkarton“ verantwortlich ist, unterstützt das Beit Al Liqa ebenfalls als Projekt. Wenn ihr mitmachen möchtet, informiert euch, welchen Beitrag ihr leisten könnt: http://bit.ly/schuhkartonpacken 

Alle Mitarbeiter von Beit Al Liqa im September 2015


Johnny setzt sich nach wie vor jeden Tag inner- und außerhalb des Zentrums dafür ein, dass Menschen Trost, Unterstützung und eine neue Perspektive finden. Gerade in diesen Wochen sind die Nachrichten voll von Berichten über Anschläge und Terrorattacken von Palästinensern auf die israelische Bevölkerung. Stimmen im Land sowie einige Medien reden sogar von einer Dritten Intifada. Wir wünschen Johnny, seiner Familie und seinen Mitarbeitern genügend Kraft, um auch diese schweren Zeiten zu überstehen und den Menschen weiterhin ein so reicher Segen zu sein.



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