Freitag, 2. Oktober 2015

„Eigentlich wollte ich nur ein paar Schuhe verschicken“

Autorin: Jenifer Girke

Jetzt heißt es zum 20. Mal Schuhkartons packen! Seit gestern läuft der Countdown bis zum 15. November, um wieder hunderttausende von Schuhkartons in Deutschland und Österreich zu sammeln. Jeder von euch hat eine andere Motivation, warum er oder sie mitmacht. Doch eines steht fest: „Weihnachten im Schuhkarton“ verändert – es verändert das Leben der Kinder und Familien, die einen Schuhkarton erhalten, aber es verändert auch das Leben von denen, die einen Schuhkarton packen, so auch das von Vera Schneider.
Es begann vor 6 Jahren: Im Jahr 2009 war Vera Schneider bereits seit 11 Jahren leidenschaftliche Packerin für „Weihnachten im Schuhkarton“ und endlich konnte sie mit auf eine Schuhkartonreise. Es ging nach Bulgarien – eine besondere Beziehung hatte die tüchtige Geschäftsfrau zu dem armen EU-Land nicht, aber letztendlich war es ihr auch egal, wohin sie reiste, Hauptsache sie reiste mit den Schuhkartons und konnte ihr eigenes Päckchen an ein Kind übergeben, das noch nie zuvor ein Geschenk erhalten hat. Was diese Reise allerdings in ihr bewirken und für ihr Leben bedeuten würde, hätte sie sich niemals vorstellen können.

Viele Roma-Kinder haben keine Chance auf Bildung.
Diebstahl und Prostitution sind oft verzweifelte Versuche,
um etwas Geld zusammen zu kriegen.
 
Vom Packer zum Leiter

Als in ihrer Aachener Gemeinde eine junge Frau die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ vorstellte, waren Vera Schneider und ihr Ehemann sofort mit dabei. Doch nach einiger Zeit gab es keinen Nachfolger mehr für die Leitung der Sammelstelle, deswegen entschieden sich die Schneiders dazu, sie zu übernehmen: „Warum? Das ist doch einfach: Weil man mit einigen Tagen großem Aufwand (Päckchen durchsehen und verpacken) eine unglaublich große Zahl an Kindern glücklich machen kann.“ So bissen die Schneiders also jedes Jahr einmal kurz in den sauren Apfel, um damit eine Vielzahl an Kinder in notleidenden Situationen mit einem wunderbaren Geschenk das Weihnachtsfest zu versüßen.





Das Verlangen, mehr zu tun

Ein Brunnen mit fließendem Wasser: für viele Bulgaren
ein echter Glücksfall, denen es oft am Nötigsten fehlt.
Aus dem einen Apfel wurde ein ganzer Apfelbaum oder sogar ein ganzer Garten voller Äpfel – aber keine sauren, sondern süße Äpfel. Denn mit der Reise nach Bulgarien wurde ein ganz besonderes Verlangen in Veras Herz geweckt: Sie wollte helfen, mehr helfen. „Es hat mich einfach gepackt, dass sich Brüder ein Paar Schuhe teilen müssen oder Kinder in Socken mit Löchern im Schnee vor uns standen.“ Wieder zurück in Deutschland, wollte Vera eigentlich nur ein paar Schuh-Pakete nach Bulgarien schicken, damit die Kinder nicht mehr barfuß und zitternd im Schnee stehen müssen. Die Kinder können keine Schneemänner bauen, keine Schneebälle formen, kein Schlitten fahren oder einen Schneeengel in weiße Wiesen zaubern – der Winter ist für die meisten Bewohner in unseren Empfängerländern eine zusätzliche Bedrohung. Neben Armut, Entbehrung und Hoffnungslosigkeit birgt der Winter eine zerstörerische Kraft in Form von eisigem Frost und dünne Hemden durchziehender, bitterlicher Kälte. Diese Not hat auch Vera Schneider gesehen und stellte schnell fest: Mit ein paar Schuhen ist es nicht getan.


Mehr tun mit „mehr Zukunft“

Um mehr Kleidung, Schuhe, Lebensmittel und andere Hilfsgüter zusammen zu treiben, gründete Vera Schneider den Verein mehr Zukunft e.V. Hierüber können Spenden eingesammelt werden, um die Transporte der Sachgüter und die Sachgüter selbst finanzieren zu können. Die Idee wurde sehr schnell etabliert und gut angenommen. Bereits 2010 konnten die Schneiders einen ganzen Lastwagen voll bepackt mit wichtigen Hilfsgütern nach Bulgarien losschicken.

Alle Sachgüter werden sortiert, gewaschen, geordnet und pro Kind wird eine Tüte mit einer Hose, einem Pulli, einem T-Shirt, einer Jacke, Socken und einem Kuscheltier gefüllt. So erhält jedes Kind von allem etwas in einem praktischen Gesamtpaket. 


Alle Sachspenden werden nach Geschlecht und Alter sortiert.

Jedes Kind erhält eine Tüte mit Kleidung für ein ganzes Outfit.

Die Kinder können oft nicht fassen, dass die ganze Tüte ihnen allein gehört.

Lebensmitteltüten werden ebenso hinzugefügt als auch größere Gegenstände:  In einem Jahr ermöglichte Vera Schneider, dass zahlreiche Krankenhausbetten, die nicht mehr dem deutschen Standard entsprachen, in ein armes Dorf nach Bulgarien verschickt wurden. In Deutschland wären sie auf dem Schrottmüll gelandet, in Bulgarien ermöglichen sie nun jede Nacht armen, verwundeten Kindern und Familien ein gemütliches Bett, von dem sie nicht einmal geträumt hätten.

Zahlreiche Krankenhausbetten in 3 LKWs


Deutsche Helfer laden die Betten Stück für Stück aus.


In Deutschland entsprechen sie nicht mehr dem Standard, in Bulgarien liegen sie weit darüber.


Mittlerweile werden pro Jahr eins bis zwei Großraumlaster bepackt, dessen Transport jeweils ca. 3000 Euro kostet. Die Initiatorin reist jedes Mal mit ihrem Mann und anderen Helfern auf eigene Kosten hinterher und bleibt zehn bis zwölf Tage vor Ort, um mit ansässigen Helfern die Spenden zu verteilen: „Die meisten unserer Helfer sind Roma, da man als Westeuropäer niemals ohne Begleitung ein Romadorf betreten sollte.“ Roma und Sinti ist eine besonders betroffene Gesellschaftsgruppe in Bulgarien: „Die Roma werden von der bulgarischen Gesellschaft verstoßen und missachtet und leben in verarmten Siedlungen am Rande der Dörfer“, schreibt auch die Internetseite des Vereins. Vom Staat erhält eine Roma-Familie in Bulgarien lediglich 35 Euro pro Monat, was für die meist sehr kinderreichen Familien nicht ansatzweise ausreicht: „Deshalb „erziehen“ viele Eltern ihre Kinder zum Diebstahl und zur Prostitution anstatt sie in die Schule zu schicken.“ 


Roma in Bulgarien leiden nicht nur unter Armut, sondern auch unter gesellschaftlicher Missachtung.

Die gesamte Aktion läuft über Mundpropaganda und ein paar Flyer; mit den Jahren hat Vera Schneider viele Kontakte zu katholischen Kleiderkammern und anderen Gemeinden aufgebaut. Man kennt die Schneiders und man weiß nie, was sie das nächste Mal für eine Überraschung bereithalten – ob zahlreiche Betten, hunderte von Kinderrucksäcken oder 4000 kuschlige Säbelzahntiger und Eisbären. Brauchen können die Menschen dort alles!


Einmal sortieren, doppelt verteilen

Erst Schuhkartons, dann LKWs für Bulgarien und jetzt setzt sich Vera Schneider auch für Flüchtlinge in Deutschland ein, denn mehr Aufwand hat sie dadurch kaum: „Wir sortieren ja eh alle Sachen, waschen und ordnen sie. Momentan sind wir mit Sachspenden überlaufen und es passt nicht mehr in die LKWs rein. Also geben wir es an Hilfsorganisationen für Flüchtlinge.“ Bei so viel Enthusiasmus und Einsatzbereitschaft fragt man sich, wie Vera Schneider es schafft, nebenbei auch noch ein Unternehmen zu führen, Steuerprüfungen vorzubereiten und die hunderten an Schuhkartons, die seit gestern bis Mitte November wieder bei ihr „einfliegen“, zu überprüfen und weiterzuleiten. Eine ganz zentrale Kraftquelle sieht die Powerfrau in ihrem Glauben.

Vera Schneider mittendrin: Sie sucht den persönlichen Kontakt zu den Menschen
und möchte sie kennenlernen.

Alles, was sie für die Kinder mit „Weihnachten im Schuhkarton“ und für die Familien in Bulgarien tut, kostet zwar Energie, schenkt aber auch eine große Bereicherung: Wenn man einen Schuhkarton packt und damit einem Kind dazu verhilft, dass es sich abends die Zähne putzen oder dass es im Unterricht (wenn es eine Schule besuchen darf) sein Wissen aufschreiben kann oder dass es keine Angst haben muss, raus zu gehen und nicht mehr friert, wenn es mit seinen zehn Geschwistern im Schnee spielt, dann erhält man ganz viel Dankbarkeit und Wertschätzung zurück und empfindet selbst ein Gefühl von Zufriedenheit und Nächstenliebe.
Wenn man sich einmal im Jahr in einem Zeitraum von 46 Tagen (1. Oktober bis 15. November) dafür einsetzt, dass Hunderttausende Schuhkartons in Hunderttausende Kinderarme gelangen, dann erfreut man sich auch an den übrigen 319 Tagen daran. Das Kind, was seinen Schuhkarton erhält, erfreut sich sogar ein Leben lang daran!


Das Kinderheim wartet schon

Morgen früh am 03. Oktober geht es für Vera Schneider und 21 weiteren Helfern wieder für ca. 10 Tage nach Bulgarien. Neben den üblichen Verteilungen, steht ein ganz besonderer Kraftakt auf der Agenda: Die Truppe aus Aachen wird ein Kinderheim renovieren und dessen Sanitäranlagen neu einbauen. Vor Ort kommen noch 15 weitere Helfer hinzu, die es kaum erwarten können, den Kindern im Heim in Zukunft eine richtige Toilette zu bieten und damit Krankheiten wegen mangelnder Hygiene einzudämmen; z.B. Magendarminfekte, die wir in Deutschland und Österreich leicht behandeln können, doch die in benachteiligten Ländern wie Bulgarien oft tödlich enden. Seit gestern treffen natürlich auch wieder neue Schuhkartons bei den Schneiders ein: „Die ersten 20 Stück stehen schon im Wohnzimmer“ , sagt das Multitasking-Talent locker nebenbei und weiß schon, was zu tun ist, wenn sie wieder aus Bulgaren zurück kommt.

Leidenschaftliche Helfer, die ihren Urlaub nicht im All-inklusive-Hotel verbringen,
sondern im bulgarischen Hinterland.

Die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ verteilt, bewirkt, verändert, ermöglicht, beglückt, erfreut, verbessert und das immer wieder auf erstaunliche Art und Weise. Also mach mit, bringe auch du ein Kind zum Staunen und staune selbst, was so ein einfacher und doch besonderer Schuhkarton bewegen kann!


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