Donnerstag, 24. September 2015

Zeit zum Staunen

Autorin: Jenifer Girke

„Man soll die Feste feiern, wie sie fallen.“ Das gilt schon seit 150 Jahren und daran hält sich auch „Weihnachten im Schuhkarton“. Ein ganz besonderes Fest feierten wir letztes Wochenende, als wir unsere 20. Saison einläuteten. Am Samstag starteten wir mit einem Connect-Treffen, auf dem über 60 Teilnehmer mit Partnern aus den Palästinensischen Gebieten, Polen, Weißrussland und den USA die letzten Jahre Revue passieren ließen, spannende Geschichten hörten und ihre eigenen erzählten, sich einem kniffligen Quiz stellten und Workshops zur Vorbereitung auf das große Packen besuchten. Am Sonntag ging es dann noch etwas traditioneller zu, als die Christuskirche in Berlin-Mitte fast aus allen Nähten platze, weil 300 Besucher Teil eines großartigen Festgottesdienstes wurden.


„Haben Sie heute schon gestaunt?“

… fragte unserer Geschäftsführer Bernd Gülker zu Beginn von Connect. Er führte aus, dass wir in der heutigen Gesellschaft die Kunst des Staunens schon fast verloren hätten, da wir uns selbst zu wichtig nähmen, für alles eine logisch nachvollziehbare Erklärung suchten und dadurch jegliche Gründe zum Staunen „wegrationalisierten“. Doch „Weihnachten im Schuhkarton“ geht weiter: „Hier passieren Dinge, die wir nicht erklären können.“ Wenn ein frierendes Mädchen in einem Schuhkarton plötzlich einen Pullover in genau der richtigen Größe findet oder ein armer Junge ein Paar passende Winterstiefel erhält und eine Mutter nach Jahren der Verzweiflung durch das Strahlen ihrer Kinder selbst wieder Lebensfreude und eine Wärme in ihrem Herzen verspürt, dann ist das erSTAUNlich. Zum Auftakt motivierte Bernd Gülker seine Zuhörer: „Ich wünsche mir, dass wir wieder staunen können und mit „Weihnachten im Schuhkarton“ auch andere zum Staunen bringen.“


"Über nichts zu staunen ist dümmer als über alles zu staunen", so der Geschäftsführer Bernd Gülker. Sein Appell: Jeder abgegebene Schuhkarton ist ein Grund zum Staunen und ein wertvolles Geschenk, das man dankbar annehmen sollte.

Doch das war nur der Anfang. Das Staunen ging weiter, als unser Partner aus den palästinensischen Gebieten, Johnny Shahwan, die Erlebnisse in der Provinz Bethlehem mit den Besuchern teilte und sogar die palästinensische Botschafterin, Dr. Khouloud Daibes, die Aktion lobend hervorhob: „Weihnachten gibt uns Palästinensern die Hoffnung, dass es eine bessere Zukunft geben kann. Die Aktion "Weihnachten im Schuhkarton" setzt solch ein Hoffnungszeichen und ist ein Beitrag für den Frieden." Mitten in den Intifada-Kriegen baute Johnny ein Zentrum auf, in dem viele Kriegsflüchtige Schutz suchten. Umgeben von Trümmern und Bombeneinschlägen verteilte er zwischen den einzelnen Ausgangssperren Schuhkartons und sah inmitten des Leids ein Zeichen von Hoffnung und Freude in den Augen der Kinder. Auch heute werden noch Schuhkartons von ihm persönlich verteilt und er weiß genau, was diese Kinder dort besonders mögen: „Milka lila oder Rittersport ist der Hit - darauf warten die Kinder manchmal jahrelang.“


Johnny Shahwan sieht nicht die Kriege und Konflikte in seinem Land, sondern vor allem die Kinder und das Strahlen in ihren Augen, wenn sie einen Schuhkarton erhalten.


Von der Welt für die Welt

Nachdem die eine oder andere Träne weggedrückt oder mit einem Taschentuch abgewischt wurde, erzählten unsere Ehrenamtlichen aus Deutschland, wie sie die Aktion erleben und warum sie teilweise schon seit 15 Jahren dabei sind. Von mit Schuhkartons überfüllten VW-Bussen über evakuierten Kinderzimmern bis hin zu beschlagnahmten Kellerräumen war alles dabei. Auch die hauptamtlichen Mitarbeiter von Geschenke der Hoffnung wurden durch diese Erzählungen noch einmal daran erinnert, wieviel Leidenschaft unsere 11.000 Ehrenamtlichen im deutschsprachigen Raum – aber auch in den Verteilländern – in die Aktion stecken.
Die zweite Hälfte des Connect-Treffens bestand aus informativen Workshops, in denen man einiges über die Möglichkeiten der Mitarbeit, dem Leiten einer Sammelstelle und hilfreiche Tipps zur Bekanntmachung erfahren konnte. Abgerundet mit gutem Essen und noch besseren Gesprächen, nutzte jeder Besucher dieses Treffen auf seine eigene Art und Weise, um sich auszutauschen, zuzuhören und selbst zu berichten, zu vernetzen und selbst vernetzt zu werden und – ganz entscheidend – zu staunen und andere zum Staunen zu bringen.


Für jedes Päckchen dankbar sein

„Wir wussten nicht, was uns erwartet, ob überhaupt jemand kommen wird oder ob wir hier ganz alleine feiern“, begrüßte Bernd Gülker den überfüllten Saal der Christuskirche in Berlin-Mitte am Sonntagmorgen. Das Programm unseres Festgottesdienstes war das frühe sonntägliche Aufstehen auf jeden Fall wert: Die Besucher lernten Ilona kennen, eine 19-jährige junge Frau, die 1996 geboren wurde und mit den Schuhkartons groß geworden ist. Bei ihr gab es noch nie eine Vorweihnachtszeit ohne Schuhkartons! Auch internationale Partner ermöglichten Einblicke in die Schuhkarton-Welt ihres Landes: Besonders berührend war eine Rede von Sylwia Kurkierewicz aus Polen, die sich für die gute Zusammenarbeit mit Deutschland bedankte und den Besuchern eindrücklich erzählte, welch großen Unterschied so ein Schuhkarton in dem Leben eines polnischen Kindes macht: „Vor 14 Jahren hat ein junger Mann in der Nähe von Warschau ein Päckchen bekommen. Er weiß leider nicht, von wem er das erhalten hat, aber die Bedeutung hat er nie vergessen. Nur durch dieses Päckchen ist er 14 Jahre später in unsere Gemeinde gekommen und hat ein neues Leben angefangen.“ 

Sylwia und Marek Kurkierewicz aus Polen überreichten dem Team rund um "Weihnachten im Schuhkarton" ein ganz besonderes Geschenk.


Auch Nicolai Balbutski aus Weißrussland ließ die Zuhörer an der Aktion in seinem Land teilhaben. Er ist schon 19 Jahre Teil des weißrussischen Teams und hat viele Kinder mit der Aktion begleitet. So zum Beispiel auch Ira, ein 12-jähriges Mädchen, das an Krebstumoren im Gehirn und im Rückenmark leidet. Ihrer Mutter wurde das Sorgerecht entzogen und alle anderen Verwandten verweigern sich, das kleine Mädchen aufzunehmen. Deswegen bleibt sie im Krankenhaus und wird von einer alten Krankenschwester liebevoll umsorgt. Als sie mit „Weihnachten im Schuhkarton“ ein Päckchen erhalten hat, freute sie sich besonders über eine Haarbürste und ein Shampoo. Wegen der Chemotherapie hat Ira ihre Haare verloren, aber die, die jetzt nachwachsen, kann sie mit dem Shampoo und der Bürste gut pflegen, damit sie „wunderschön“ werden. Man solle sich nicht an das Gute gewöhnen und jedes Päckchen als ein kleines Wunder sehen – mit dieser Botschaft legte Pfarrer Roland Werner die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ den Gottesdienstbesuchern ans Herz. Und „Wunder“ trifft es wohl ganz gut, wenn man Geschichten wie die von Ira hört.

Nicolai Balbutski aus Weißrussland berichtet über seine Erlebnisse mit 19 Jahren "Weihnachten im Schuhkarton"


Der Gottesdienst wurde begleitet von einer Live-Band, die das Klischee langweiliger Kirchenmusik erfolgreich aufheben konnte und mit Lebendigkeit, einer modernen Pop-Art und ansprechenden Songs überzeugte. 


Langweilige Kirchenmusik? Nicht bei "Weihnachten im Schuhkarton"!


Der krönende Abschluss wurde von Bäckermeister Karl-Dietmar Plentz gestiftet: eine riesengroße Geburtstagstorte, deren Überbleibsel trotz 300 Besucher noch die ein oder andere Mittagspause in dieser Woche versüßte. Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, kann den Festgottesdienst auch nochmal in voller Länge genießen: https://www.youtube.com/watch?v=fkQ6V17afdw


Bäckermeister Karl-Dietmar Plentz und Projektleiterin von "Weihnachten im Schuhkarton" Diana Molnar beim feierlichen Tortenanschnitt.


Danke an alle, die diese großartigen Veranstaltungen möglich gemacht haben. Doch noch viel wichtiger: Vielen Dank an EUCH, die diese großartigen bisherigen 19 Saisons überhaupt möglich gemacht haben!


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