Freitag, 11. September 2015

Flucht überfordert

Autorin: Jenifer Girke

Die Flüchtlingsdebatte ist laut – viele Stimmen rufen querbeet, was wo jetzt sofort getan werden muss. Die deutsche und österreichische Hilfsbereitschaft sprudelt, aber diese Hilfe zu koordinieren, ist alles andere als einfach. Immer wieder kommt es zu rassistisch motivierten Übergriffen auf Flüchtlingsheime. Neo-Nazis sehen in dem Flüchtlingsstrom zu oft eine geeignete Angriffsfläche und erschweren die Aufnahme der Geflüchteten. Und die Politik? Sie steht vor einer großen Herausforderung, bei der sie um Einigkeit ringt. Die Innenpolitik ist mit überfüllten Bahnhöfen konfrontiert, Merkel wurde fast über Nacht zur „Mutti für alle“ und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Junker verlangt die Verteilung von insgesamt 160.000 Flüchtlingen sowie einen „permanenten Notfall-Mechanismus“ für zukünftige Flüchtlingskrisen.

Doch wo steht Geschenke der Hoffnung in dem ganzen Geschehen? Noch viel wichtiger: Was können wir tun? Bevor man aus lauter Hyperaktivismus zu schnelle Schritte geht, hilft es, sich einige Fakten bewusst zu machen: „Weihnachten im Schuhkarton“ verteilt Päckchen an notleidende Kinder in Osteuropa. Fast alle Flüchtlinge wählen den Weg der sogenannten „Balkanroute“, die ebenfalls durch Osteuropa führt. Schon geografisch gesehen sind Deutschland und Österreich also mittendrin. Zum Glück, denn genau da – mittendrin – braucht es Unterstützung, nicht nur für die Flüchtlinge.


Die berüchtigte Balkanroute: Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan strömen in Richtung Europa ebenso wie zahlreiche Flüchtlinge aus Serbien und anderen Balkanstaaten. Viele wollen nach Österreich und Deutschland, einige versuchen in Richtung Skandinavien oder Großbritannien weiterzuziehen. Auch in Rumänien, Bulgarien oder in der Slowakei kommt ein Teil des Flüchtlingsstromes an, selbst wenn die meisten nicht dort bleiben wollen.


Rumänien und Bulgarien sind überfordert

Die Balkanroute verläuft von der Türkei über die griechische Insel Kos, vom griechischen Festland weiter nach Mazedonien, Serbien, Ungarn und von dort aus in den Schengenraum der EU, in dem man ohne weitere Kontrollen seine Reise fortsetzen darf (theoretisch). Bulgarien und Rumänien sind Nachbarstaaten von Serbien und Ungarn, den Brennpunkten auf der Balkanroute, und gehören seit 2007 zur Europäischen Union. Sie sind die ärmsten Länder in der EU und sehen sich mit vielen gesellschaftlichen Problemen konfrontiert. Die strukturell und wirtschaftlich schwache Verfassung macht es ihnen politisch unmöglich, einen derartigen Flüchtlingsstrom zu stemmen, wie wir ihn gerade erleben.  Schon wohlhabende Länder wie Deutschland oder Österreich sehen in der Flüchtlingsbewältigung eine enorme Herausforderung. Wie groß ist diese dann wohl für Länder wie Bulgarien und Rumänien? Mit steigender Flüchtlingszahl schrumpfen die Möglichkeiten, den eigenen Leuten in notleidenden Situationen zu helfen. Deswegen sind Päckchen für die benachteiligten Kinder dort enorm wichtig!

Bulgarien - das schwächste EU-Land kämpft mit seiner Armut. Und die Bevölkerung mit ihrem Leid. Gründe zu fliehen gibt es auch hier genug, doch jedes Päckchen kann ein Grund werden zu bleiben. 


Roma – eine diskriminierte Minderheit unter Flüchtlingen

Ein Drittel der Flüchtlinge aus dem West-Balkan sind Roma. 91 Prozent der Roma-Flüchtlinge stammen aus Serbien. Wie schwer es diese Minderheit in ihrem Umfeld hat, zeigt auch die Slowakei, in der Schätzungen zufolge 300.000 bis 500.000 Roma leben. Die Diskriminierung der Roma in der Slowakei geht sogar so weit, dass nach Ansicht der Regierung der Slowakei der hohe Anteil von Roma in den Sonderschulen des Landes an der weiteren Verbreitung von Inzucht in ihren Familien liegt, wodurch es zu Entwicklungsstörungen käme.

Allein diese Einstellung zeigt: Auch in der Slowakei ist noch viel zu wenig von dem „Europäischen Geist“ zu spüren. Die Minderheit der Roma wird nach wie vor diskriminiert und von der eigenen Regierung abgestoßen. Das kann in dem Moment noch extremer werden, wenn weitere Roma-Flüchtlinge z.B. aus Serbien in das Land kommen. Daher sind nicht-politische, von außen kommende  Maßnahmen wie durch „Weihnachten im Schuhkarton“ extrem wichtig, um den Roma Wertschätzung zu vermitteln. So können Wege aufgezeigt werden, mit Roma umzugehen und sie besser zu integrieren.

Kinder aus einer Romasiedlung in der Slowakei. In ihrem Alltag werden sie oft aus der Gesellschaft ausgestoßen. Dass jemand von ihnen ein Foto machen möchte, ist fast so ungewohnt, wie ein eigenes Geschenk zu Weihnachten.


Ein Päckchen kommt, um zu bleiben

Österreich zeigt mit 71,1 Prozent einer der höchsten Beschäftigungsquoten in der EU. Der Exportwert der deutschen Unternehmen stieg im März 2015 auf den höchsten jemals gemessenen Wert von 107,5 Milliarden Euro. Länder Kurzum: Uns geht es gut. Im Vergleich zu Bulgarien oder Rumänien haben wir mehr finanzielle Mittel, die uns dabei helfen, Tausende von Flüchtlingen nicht nur aufzunehmen, sondern auch mit dem Nötigsten zu versorgen und in immer mehr Fällen sogar erfolgreich in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt zu integrieren. Hier mangelt es eher an genügend Unterkünften und in bestimmten Teilen der Länder nach wie vor an freundlichen Gesichtern, die „Welcome Refugees!“ rufen. Doch das passt leider in keinen Schuhkarton.

Diese wirtschaftliche Stärke, die die Basis unserer Hilfsbereitschaft darstellt, genießen unsere Empfängerländer nicht. Erst, wenn die Menschen in der Gesellschaft versorgt werden, sind diese auch bereit, andere zu versorgen. Also „versorgt“ sie weiterhin mit euren Päckchen, bringt die Kinder dieser benachteiligten Länder zum Strahlen, vermittelt ihnen Werte wie Hoffnung, Glaube und Liebe selbst in einer Zeit, in der immer mehr Menschen aus ihren eigenen Ländern vertrieben werden. Setze mit „Weihnachten im Schuhkarton“ ein Zeichen gegen Flucht, gegen Ausweglosigkeit, gegen Verzweiflung und gegen Ausgrenzung! In den Ländern, in denen kein Krieg herrscht und die Menschen oft aus wirtschaftlichen Gründen wie extremer Armut und Perspektivlosigkeit flüchten, können ganz simple Gesten wie ein liebevoll gepackter Schuhkarton zu Weihnachten einen entscheidenden Unterschied machen, hoffentlich bis hin zu der Entscheidung: „Ich habe Hoffnung. Ich möchte bleiben.“


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