Freitag, 27. März 2015

Weihnachten in der SchuhKISTE

„Nächstes Mal fangen wir vielleicht ein bisschen früher an“, sagt Melina lachend. Die Abiturientin am Geschwister-Scholl-Gymnasiums Stuttgart-Sillenbuch hat im November eine aufregende Woche hinter sich gebracht. Und „schuld“ daran waren eine Menge Schuhkartons.

Wir schreiben den 9. November 2014. Die KULTURKISTE, das Kulturresort der SMV (SchülerMitVerantwortung), sitzt zusammen und plant die Weihnachtswoche, die bald in ihrem Gymnasium stattfinden soll. Plötzlich erinnert sich Melina an die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“. Schon vor einigen Jahren hatte sie mit Freundinnen Schuhkartons gepackt. Wie wäre es, wenn dieses Jahr die ganze Schule mitmachen würde?


Die Idee findet sofort Anklang. Doch mit einem Blick auf die Internetseite wird den motivierten KULTURKISTlern klar – ihnen bleiben nur noch sechs Tage! Sechs Tage zum Werbungmachen, Animieren, Informieren. Würden sie es schaffen? 


Innerhalb der nächsten Stunden entwerfen sie Plakate, die am kommenden  Tag in der Schule ausgehängt werden. Doch das allein würde nicht reichen – das wissen die KULTURKISTler aus Erfahrung. Und so gehen Melina und ihr Team durch die Klassen und informieren die Schüler persönlich über die Geschenkaktion und vor allem, wie man einen Schuhkarton packt. „Gerade dadurch, dass wir durch die Klassen gelaufen sind, konnten wir viele für die Aktion begeistern.“ 


Bis zum Freitag können die fertig gepackten Schuhkartons im Büro der SMV abgegeben werden. Aufgrund der Kürze der Zeit macht man sich keine allzu großen Hoffnungen. „Wir haben mit … keine Ahnung … vielleicht 20 Schuhkartons gerechnet.“ Aber der Enthusiasmus und die Großzügigkeit der Schüler machen ihnen einen „Strich durch die Rechnung“ – und so türmen sich am Ende der Woche 72 Schuhkartons zu einer riesigen Pyramide im SMV-Büro auf. Ein unglaubliches Ergebnis.


Doch dadurch ergibt sich ein neues Problem – wer würde so viele Schuhkartons so kurz vor Abgabeschluss noch nehmen? Nach einer kleinen Odyssee haben sie Glück – die Sammelstelle von Frau Dr. Marx versichert ihnen, dass sie ihre wertvolle Fracht noch vorbeibringen können. Als Melina und ihre Mutter kurze Zeit später mit dem Auto vorfahren, fallen die Ehrenamtlichen aus allen Wolken – so viele Schuhkartons! Und als sie erfahren, dass die Schüler diese innerhalb von nur fünf Tagen gepackt haben, ist man sprachlos. „Wir haben uns sehr gefreut“, berichtet Sammelstellenleiterin Frau Dr. Marx, „und vielleicht motiviert das auch andere Schülergruppen, um im kommenden Jahr bei ‚Weihnachten im Schuhkarton‘ mitzumachen!“ 


Melina ist dankbar für die gute und kurzfristige Mithilfe der Schüler. Auch wenn sie in der kommenden „Weihnachten im Schuhkarton“-Saison nicht mehr zur Schule gehen wird, hofft sie doch, dass Schüler wieder für Kinder in Not packen werden. Mit einem Grinsen sagt sie: „Und vielleicht schaffen wir es, in diesem Jahr ein bisschen früher für Schuhkartons aufzurufen.“ 



Melina mit einer Pyramide des Glücks.
So hat die KULTURKISTE die Schüler zum Packen animiert.


Montag, 23. März 2015

Eine Uhr für Anna

Anna Bostan lebt zusammen mit ihren drei Geschwistern und ihrer Mutter in dem kleinen Ort Crihana Veche (Republik Moldau). Die 13-Jährige ist eine gute und zuverlässige Schülerin. In ihrer Schule ist sie für das Läuten der Pausenglocke zuständig. Für diesen verantwortungsvollen Job wünscht sie sich seit langem eine eigene Uhr. Dieser Wunsch ist für ihre alleinerziehende Mutter, die in Teilzeit als Putzkraft arbeitet, ein Ding der Unmöglichkeit. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Außerdem kämpft Annas Mutter gerade einen wichtigen Kampf – sie versucht vom Alkohol loszukommen. Der Vater ihrer Kinder war starker Alkoholiker und hat sie Familie vor einem Jahr verlassen. Hilfe erhält Annas Mutter von Ion Groza, dem Pastor der Baptisten-Gemeinde, die sie besucht. „Ich bin wirklich streng mit ihr“, sagt Pastor Ion Groza mit einem Zwinkern und doch Ernst in der Stimme. 

Pastor Ion hat einen guten und herzlichen Kontakt zu der Familie. „Die Kinder sind sehr gut in der Gemeinde integriert, sie besuchen die Lernbetreuung und arbeiten auch ehrenamtlich mit.“ Für ihn ist es selbstverständlich, dass er Familie Bostan unterstützt, wo er nur kann. So wird auch das Haus, in dem die Familie zwei Räume bewohnt, für die nächsten vier Jahre von der Gemeinde finanziert. In diese Situation hinein ist es für den Pastor eine besondere Sache, die vier Kinder zu Weihnachten mit gepackten Schuhkartons zu überraschen.


Als Anna ihren Schuhkarton öffnet, kann sie es kaum glauben. Neben Federtasche, Plüschtier, Haarbürste, Süßigkeiten und anderen Geschenken, findet sie eine kleine Schachtel. Ungläubig schaut sie genauer hin. In der kleinen Schachtel steckt eine weiße Armbanduhr. Eine Uhr – genau das, was sie sich so sehr gewünscht hatte. Als hätte jemand geahnt, was das junge Mädchen sind von Herzen wünscht.


Gepackt wurde der Schuhkarton von Elfi Raith, einer warmherzigen Frau aus Österreich. Als sie ihren Schuhkarton auf einem Foto wiedererkennt, ist sie zutiefst gerührt. Über Facebook war sie auf die Aktion aufmerksam geworden. In diesem Jahr hatte sie mit ihren Freundinnen beschlossen, sich zu Weihnachten nichts zu schenken und stattdessen Schuhkartons zu packen. Und dass ihre Geschenkeauswahl genau richtig angekommen ist, scheint ihr wie ein Wunder. „Die Uhr war dann wirklich das Letzte was ich für die Schachtel gekauft hab. Sie ist mir ins Auge gefallen und sofort hatte ich den Gedanken, dass sich da ein Mädchen in Moldawien sicher darüber freut. Das ist mir ja nun bestätigt worden“.

Eine weitere Überraschung erwartete die Familie und vor allem Anna, von der sie erst Tage später erfahren wird. Die Schülerin wird bald das Gymnasium abschließen und träumt davon, ein Technik-College zu besuchen. Allerdings beträgt die monatliche Gebühr 50 Euro, die Annas Mutter nicht aufbringen kann. Als Mitarbeiter während des Besuchs bei der Familie davon hörten, fand sich ein privater Spender aus Österreich, der diese Kosten übernehmen wird. Diese Überraschung macht sie sprachlos.


Zu diesem Weihnachtsfest ist wirklich neue Hoffnung in diese Familie eingekehrt. Die Schuhkartons und die Begegnungen mit den Verteilpartnern waren wie ein Lichtstrahl in einer nicht einfachen Lebenssituation. 


Die Familie lebt in einfachen Verhältnissen - wie viele der Familien in Moldau.
Die beiden Schwestern können ihr Glück noch gar nicht fassen.
Anna mit ihrer ersten eigenen Armbanduhr.
Warm eingepackt in ihrer neuen Jacke.
Der Besuch der Geschenke der Hoffnung-Mitarbeiter brachte Weihnachtsstimmung in die beschauliche Wohnung.
Trostlose Aussichten. So sieht es unmittelbar hinter dem Haus der Bostans aus.