Montag, 9. Februar 2015

Ein Geschenk für Milan

Bericht von Andrea Held, Sammelstellenleiterin in Nordstemmen

Als meine Söhne (11, 14, 15 Jahre alt) erfuhren, dass ich auf die Verteilerreise in die Slowakei fahren durfte, planten sie, mir einen von ihnen allein gepackten Schuhkarton mitzugeben. Diesen sollte ich dann vor Ort einem Jungen im Alter zwischen zehn und 14 Jahren geben.


Am 16.12.2014 fuhren wir in Kežmarok zu einem Kinderheim/Krisenzentrum. Hier leben ca. zehn Kinder und Jugendliche im Alter von  2–15 Jahren. Sie wurden per Gerichtsbeschluss aus den unterschiedlichsten Gründen aus ihren Familien genommen. Das Krisenzentrum ist ein Wohnhaus mitten im Zentrum von Kežmarok, es ist renoviert, von außen frisch gestrichen und macht einen guten Eindruck. In einem größeren, hellen Raum, dem Wohnzimmer, erwarten uns schon die Kinder und Erzieher. Die Mitte des Raumes ist freigeräumt, Stühle und Sofas stehen an der Wand, in einer Ecke steht ein geschmückter Weihnachtsbaum. Die Kinder sitzen bereits und schauen erwartungsvoll umher, sie begrüßen uns freundlich. Mit einem Jungen im gelben Pullover habe ich beim Betreten des Raumes Blickkontakt, er lächelt mich an und bietet mir mit Gesten seinen Sitzplatz, einen Schreibtischstuhl, an. Ich setze mich und frage ihn nach seinem Namen und Alter. Er wirkt aufgeschlossen. Mithilfe der Dolmetscherin erzählt er mir, warum er im Heim lebt. Milan ist 13 Jahre alt und wohnt seit vier Monaten dort, weil er nicht mehr in die Schule ging. Seine Eltern und fünf jüngeren Geschwister leben in einem 35 Kilometer entfernten Ort.

Plötzlich bin ich mir ganz sicher – Milan soll den Karton meiner Söhne bekommen!


Als die Zeit der Verteilung gekommen ist, überreiche ich ihm den Karton. Er bedankt sich und lächelt, ist aber viel verhaltener als zuvor. Er setzt sich, hält den Schuhkarton auf seinen Knien und macht keine Anstalten, ihn aufzumachen – er wirkt verunsichert. Ich hocke mich vor ihn und öffne den Karton – um uns herum herrscht viel Trubel und lebhafte Freude. Die anderen Kinder bestaunen ihre Geschenke, plappern und naschen die Süßigkeiten. Milan sitzt einfach nur da und hält den mittlerweile geöffneten Karton. `Freut er sich denn gar nicht?`, denke ich. Ich packe einige Dinge aus und zeige sie ihm, er lächelt scheu. Schnell sind die Geschenke wieder im Schuhkarton verstaut. An der Unterseite des Deckels klebt ein Foto meiner Söhne – ich stelle sie Milan noch vor und erzähle, dass sie zur Schule gehen, und zwar auch nicht immer gerne und dass mein ältester Sohn Astrophysiker werden möchte. „Milan, was möchtest du einmal werden, welchen Traum hast du?“, frage ich ihn. „Ich will Pilot werden!“, antwortet er prompt.


Als wir uns einige Zeit später von allen Kindern verabschieden, gehe ich noch einmal zu ihm. „Ich bete für dich. Und ich hoffe und wünsche dir, dass dein Traum sich erfüllt!“ „Ich werde wieder in die Schule gehen“, erwidert er mit fester Stimme, schaut mir in die Augen und bekräftigt es mit einem Handschlag.


Als ich aus dem Haus trete, muss ich lächeln. Im Schuhkarton wird Milan später, wenn er den Karton noch einmal genauer anschaut, ein LEGO-Flugzeug und eine Federmappe finden. Genau das Richtige für einen Jungen, der sich vorgenommen hat, wieder zur Schule zu gehen und der später mal Pilot werden will.

Der Junge mit dem strahlenden Gesicht traut sich erst nicht, seinen Schuhkarton zu öffnen.

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